Der Völkermord von DERSIM 1937/38 (von Çağan Varol)

Inhalt




I.    Einleitung                                                            4

1.    Die Dersim Diskussion                                          4

2.    Der Premierminister entschuldigt sich                    5


II.    Hauptteil                                        6

1.    Osmanische Verfolgungsgeschichte                        6

2.    Kontinuität in der staatlichen Minderheitenpolitik                7

3.    Türkisierungspläne und –gesetze                        8

a.    Berichterstattung über Dersim                        9

b.    Gesetzgebung bezüglich Dersim                    10

4.    Endlösung 1937/38                                11

a.    Opferzahlen                                    13

5.    Akteure, Instrumentalisierung, Trauma                    14


III.    Schlussteil: Rückkehr in das kollektive Bewusstsein            16

1.    Oral History-Projekt Dersim 1937/ 38                    16

2.    Gerichtsverfahren und Forderungen                        17

3.    Aufarbeitung der Vergangenheit                        19







Literaturverzeichnis

Bücher, Aufsätze und Vorträge:

Aslan,            Herkesin Bildigi Sir Dersim, 1. Auflage 2010
Sükrü

Aygün,        Dersim 38 – Resmiyet ve Hakikat, 1. Auflage 2010
Hüseyin        Dersim 38 ve Zorunlu Iskan, 2. Auflage 2009       

Bumke,        Kizilbas-Kurden in Dersim, in Anthropos 74, 1979
Peter J.            S. 530-548

Dersimi,         Kürdistan Tarihinde Dersim, 2. Auflage 1990
Nuri

Kieser,            Aleviten im Wandel der modernen Geschichte, Vortrag
Hans-Lukas        vom 06.09.2001

Mihoyev, S.X.        Kürdistan Tarihi, 1. Auflage 2001
Lazarev, M.S.

van Bruinessen,    Scheich, Agha und Staat, 2. Auflage 2003
Martin

Zürcher,        Modernlesen Türkiye Tarihi, 21. Auflage 2007
Erik Jan

Zeitungsartikel:

Aksam,       
Interview mit Dr. Sükrü Aslan vom 04.12.2011

Bianet.org,       
Artikel von A. Deman Güler vom 24.11.2011.

Birikim Dergisi,    
Artikel von Ozan Deger vom 03.01.2010

Birgün,       
Interview mit Haydar Karatas vom 28.11.2011
Artikel von Kamil Atesogullari vom 16.11.2009

Die Welt,       
Artikel von Helga Hirsch vom 19.11.2011

Radikal,        
Kolumne von Baskin Oran vom 27.11.2011
Kolumne von Oral Calislar 29.11.2011
Kolumne von Ayse Kadioglu vom 04.12.2011.

Star Gazetesi,       
Artikel über Gülsün Bilgehan vom 26.11.2011.

Zaman, 
Interview mit Hüseyin Aygün vom 10.11.2011
Artikel über Pressekonferenz von Haluk Koc 16.11.2011
Artikel über Rede des Ministerpräsidenten Erdogan vom 23.11.2011


I.     Einleitung
Die Türkei ist ein Land voller Überraschungen. Zu einem Zeitpunkt als fast niemand mehr daran glaubte, brachte ein Streit zwischen CHP-Abgeordneten ein unrühmliches Kapitel der jungen türkischen Republik wieder ans Tageslicht. Den Völkermord von Dersim. Die Massaker, die im Verlauf des letzten als „Tedip“ und „Tenkil1“ Expedition bezeichneten Feldzugs von 1937/38 in Dersim stattfanden, wurden 74 Jahre lang seitens der kemalistischen Machtelite als Niederschlagung eines feudalen Agha2-Aufstandes legitimiert und verleugnet. Diese Staatslüge wurde durch den Premierminister Erdogan selbst vernichtet, indem er die stattgefundenen Massaker mit öffentlichen Dokumenten belegte und sich offiziell entschuldigte. Daraufhin folgte eine wochenlange Debatte in den Fernsehkanälen und Zeitungen der Republik. Heute scheint das mediale Interesse an Dersim wieder verflogen zu sein. Geblieben ist die Frage um die Aufarbeitung der Vergangenheit und die Tatsache das Zehntausende, unschuldige Menschen, darunter unzählige Frauen und Kinder ihren Tod fanden sowie mindestens 14.000 Menschen zwangsumgesiedelt worden. Auch sind nicht längst alle Archive der türkischen Republik freigegeben. In diesen Archiven schlummern noch sehr viele Befunde damaliger Zeit, namentlich Fotografien, militärische Berichte und Befehle aus dem Jahre 1938. Zudem gibt es noch ein weiteres bedeutsames Archiv, nämlich das kollektive Gedächtnis der Opfer. Es sind noch einige hundert Zeugen und gleichzeitig Opfer von 1938 am Leben, die eine wichtige Erkenntnisquelle bilden. Beginnend mit den aktuellen Ereignissen in der Türkei behandelt dieser Bericht die Thematik um den Völkermord in Dersim in den Jahren 1937/38.

1.    Die Dersim Diskussion
Es war der CHP3-Abgeordnete, Hüseyin Aygün, der die Dersim-Problematik an die Öffentlichkeit brachte. Seine Aussagen in der regierungsfreundlichen Tageszeitung Zaman vom 10.11.20114 über den Völkermord in Dersim im Jahre 1938 und die Schuld des Staates sowie der CHP als damals einzige Partei des Landes brachte ihm Ärger ein. Zwölf Abgeordnete seiner Fraktion forderten in einer Pressekonferenz ein Disziplinarverfahren gegen Aygün.5 Dort wurde ihm unter anderem vorgeworfen, die CHP in den Schmutz zu ziehen und den Republikgründer Atatürk als Organisator eines Massakers darzustellen und zu verunglimpfen. Auch dem aktuellen Parteichef der CHP, Kemal Kilicdaroglu, wurde vorgeworfen diesen Frevel zu dulden und zu tolerieren. Hüseyin Aygün stammt, wie Kilicdaroglu auch, aus der Region Dersim, der heutigen Provinz Tunceli. Er war dort als Rechtsanwalt tätig und ist ausgewiesener Experte über den Völkermord in Dersim. In der Zaman betonte er die Kollektivschuld der politischen Elite der türkischen Republik und verlangte eine kritische Auseinandersetzung mit den stattgefundenen Massakern. Den Republikgründer Atatürk benannte er vorsichtig nur als Mitwisser der gesamten Geschehnisse in den Jahren 1937/1938.

Das Thema „Dersim“ war auch im Jahre 2009 kurzzeitig in aller Munde als der langjährige Diplomat und Abgeordnete der CHP, Onur Öymen, während einer Abstimmung im Parlament über die Verlängerung des Einsatzes des türkischen Militärs im Nordirak gegen PKK-Stellungen meinte, man könne gegen Terroristen keine Milde zeigen, denn auch in Dersim hätten Mütter geweint und der Staat hätte trotzdem getan, was er habe tun müssen. Damit wurde schon mal ein CHP-Abgeordneter unfreiwillig der Auslöser einer polemischen Auseinandersetzung zwischen der AKP6 und der CHP über die Geschehnisse in Dersim in den Jahren 1937/38. Der damalige Parteichef der CHP, Deniz Baykal, stellte sich schützend hinter Onur Öymen. Auch in der aktuellen Debatte machte der jetzige Parteichef der CHP keine gute Figur. Kilicdaroglu rief die streitenden Abgeordneten zu Disziplin auf und erteilte beiden Seiten eine Schweigepflicht. Eine aktive Unterstützung zur Aufarbeitung des Völkermordes leistete er nicht beziehungsweise es fehlten ihm hierzu die Mehrheit in der eigenen Partei sowie der politische Mut.

2.    Der Premierminister entschuldigt sich
Die fehlende Geschlossenheit der Oppositionspartei hinsichtlich der Dersim-Frage ließ sich der Premierminister Recep Tayyip Erdogan nicht entgehen und attackierte den CHP-Chef. Die CHP sei die Schuldige der damaligen Massaker in Dersim, sagte Erdogan. Schon im Jahre 2009 erklärte Erdogan in seiner Funktion als Premierminister, dass bis zu 50.000 unschuldige Menschen durch die Hände des Staates getötet wurden. Praktische Aktionen ließ er diesen Äußerungen nicht folgen. Gesetzesentwürfe von Abgeordneten aus Dersim lehnte die heute wie damals mit absoluter Mehrheit regierende AKP in Abstimmungen ab. Eine kritische wissenschaftliche Aufarbeitung fand auch nicht statt. Erst nach der zweiten Dersim-Debatte vor wenigen Wochen verlas Premierminister Erdogan am 23.11.2011 in einer Versammlung der AKP Regionalvorsitzenden mehrere amtliche Dokumente aus dem Archiv der Ministerpräsidenten über die Opferzahlen und die stattgefundenen Deportationen. Danach seien 13.806 Menschen umgebracht und weitere 13.600 in den Westen deportiert worden. „Ich rede nicht von den Opfern eines Erdbebens meine Herren, diese Menschen wurden umgebracht!“ waren seine Worte. Es kam auch zu einem bislang einmaligen Schritt in der Geschichte der türkischen Republik. „Soll ich mich entschuldigen oder du (Kilicdaroglu). Falls es so was wie eine Entschuldigung im Namen des Staates gibt,….so entschuldige ich mich hiermit.“7 Auch wenn die gezeigten Dokumente alle vorher bekannt waren und die Entschuldigung Erdogans für viele nur halbherzig klang, wurden die Worte des Premierministers in der Öffentlichkeit und den Medien dennoch mit großer Resonanz aufgenommen. Auch wenn die Zurschaustellung der CHP die eigentliche Triebfeder Erdogans zu sein scheint, ist der Tabubruch als gewaltig anzusehen. Der Ruf nach Öffnung aller Staatsarchive, einschließlich die bisher nicht veröffentlichen Archive der Militärführung, ist unüberhörbar. Von der Freigabe der Archive der Militärführung für Wissenschaftler erhofft man sich mehr Informationen über das Vorgehen und die Auswahl der Truppen sowie dem Verbleib von Hunderten vermisster Frauen und Kinder.8 Auch der Staatspräsident, Abdullah Gül, sprach sich für eine Freigabe aller Staatsarchive aus. Ein großer Staat wie die Türkei brauche sich nicht zu fürchten und könne auch Fehler eingestehen, sagte Gül.

Der CHP-Chef Kilicdaroglu warnte indes vor der Gefahr eines Bürgerkrieges und verlangte vom Premierminister Taten statt Worte. In den Augen vieler hat er die Möglichkeit einer Aufarbeitung eher behindert als befeuert. Die Eigenorganisationen der Menschen aus Dersim darunter vor allem die FDG9 fordern schon seit Jahren eine Aufklärung des Völkermordes in Dersim. Die Forderungen der FDG fanden aber nun erstmalig in den Mainstreammedien Widerhall und konnten so an die Öffentlichkeit gebracht werden. Es besteht diesmal die Hoffnung, dass die Geschehnisse in Dersim 1938 nicht so leicht wieder unter den Teppich gekehrt werden, wie es im Jahre 2009 der Fall war, und eine Phase der Vergangenheitsaufarbeitung eingeleitet wird.

II. Hauptteil
Um die heutige Diskussion besser mitverfolgen zu können, ist es erforderlich, den politischen Charakter der Dersim Region sowie deren historische Rolle im Machtgefüge innerhalb der türkisch-osmanischen Oberhoheit kurz zu skizzieren. Die Reihenfolge der Geschehnisse im Vorfeld und Verlauf der Strafexpedition von 1937/1938, die dazu führten, dass Zehntausende Menschen ihr Leben ließen und weitere Zehntausende deportiert, inhaftiert und verletzt wurden, sollen auch näher beleuchtet werden.

1.    Osmanische Verfolgungsgeschichte
Die Region Dersim, die nur zu einem Teil in den heutigen Grenzen der Provinz Tunceli im Jahre 1935 nach dem „Tunceli-Gesetz“ zusammengefasst wurde, verfügt schon seit Jahrhunderten über eine besondere gesellschaftliche, ethnische sowie religiöse Struktur. Die Bevölkerung besteht damals wie heute zu fast neunzig Prozent aus Aleviten, die im Laufe von Jahrhunderten in dieses Gebiet einwanderten oder vor Repressionen flüchteten. Bis zum Armeniergenozid im Jahre 1915 lebten auch sehr viele Armenier in Dersim, die zumeist in einem guten nachbarschaftlichen Verhältnis zu den Aleviten standen. Die Aleviten in Dersim sind hierarchisch in ein Kastensystem eingebunden in der die religiös legitimierte Kaste (Ocakfamilien), den ihn zu geteilten Stämmen die religiöse Unterweisung und Führung zukommen lässt. Aleviten lehnen die orthodoxe, dogmatische Sicht des Islams sowie deren Glaubensstätten (Moscheen) und Religionsführer (Seyhulislam, Kadi, Müftü, Hoca) ab. Vielmehr spielt u.a. die Geschlechtergleichheit, die Imam Ali-Verehrung sowie die Einheit von Mensch, Natur und Gott und der Reinkarnationsglaube eine entscheidende Rolle. Weiter werden in den religiösen Versammlungen in den Cem-Häusern alevitische Lieder rezitiert und dazu Tänze aufgeführt. Daher werden sie seit Jahrhunderten als Häretiker stigmatisiert und marginalisiert.10

Die verschiedenen alevitischen Clans, die gemeinsam die Stammeskonföderation von Dersim bildeten, verfügten jeweils über ein Clan-Gebiet in der die stammesangehörigen Familien vom einfachen Ackerbau und von der Viehzucht lebten und sich bei Gefahr zusammenschlossen, um Gefahren durch die Obrigkeit abzuwehren. Ein Großgrundbesitzertum, wie im Rest Ostanatoliens und Kurdistans, existierte in Dersim nicht. Die Menschen lebten in einem einfachen kommunalen System, in der eigentlich für den Ackerbau ungeeigneten Topographie Dersims zumeist auch in bitterer Armut.

Die Region Dersim bildete aufgrund dieser Besonderheiten bis Anfang des 20. Jahrhunderts eine de-facto autonome,  alevitische Enklave innerhalb des osmanischen Reiches und konnte sich so gut es geht, auch aufgrund des staatlichen Vakuums in vielen abgelegenen Gebieten des Reiches, der Steuerpflicht und des damals lange Jahre andauernden Militärdienstes entziehen. Auch aufgrund der bergigen und bewaldeten Geographie Dersims blieben viele Strafexpeditionen unter den Osmanen in dieser Region ohne große Folgen und konnten die gesellschaftliche Struktur nicht zerstören.

Der Hass der Osmanen gegen dieses Widerstandsnest geht zurück auf das frühe 16. Jahrhundert, als die Osmanen mit den Safewiden11 im Iran im Krieg lagen. Die alevitische Bevölkerung Anatoliens, auch „Kizilbas“12 genannt, unterstützte mehrheitlich die Safewiden, die damals einer schiitisch-heterodoxen Islamausprägung anhingen und somit dem alevitischen Glauben sehr nahe kamen. Als mit der Schlacht von Van/Caldiran im Jahre 1514 die Safewiden besiegt wurden und sich aus Ostanatolien bis auf die heutigen Grenzen des Iran zurückziehen mussten, wurden die Aleviten zur Strafe systematisch von den Osmanen verfolgt und in entlegene Bergregionen zurückgedrängt. Durch „fetwas“ (d.h. religiöse Urteile) wurden die Aleviten aus dem gesellschaftlichen Leben verbannt und gar ihre Tötung als straffreier, religiös gewünschter Akt gesetzlich manifestiert. Auch der Inzestvorwurf findet in dieser Zeit seinen Ursprung und sollte die Isolation der Aleviten verfestigen. Bei der Hetzjagd Yavuz Sultan Selims auf die Aleviten (Kizilbas) im Laufe der Konfrontation mit den Safewiden sollen ca. 40.000 Aleviten hingerichtet worden sein.13 Nachdem die Bektaschiye14 in Haci Bektas als religiöse Zentralinstanz des türkischen Alevitentums mit den Osmanen unter Selim kollaborierte, bildete sich in Dersim das Zentrum des Ostalevitentums heraus.15 Dersim wurde aufgrund dessen Opfer von Bestrafungsaktionen der Osmanen. Als Handlanger dieser Politik des Osmanenherrschers Selim fungierten vielerorts die anti-alevitisch gesinnten schafitischen Regionalfürsten und deren Stämme, allen voran der Fürst von Bitlis, Idrîs Bitlis-i. Die Region Dersim konnte sich aber während der ganzen Osmanenzeit behaupten und die dortigen Stämme gaben vielen Verfolgten Unterschlupf.

2.    Kontinuität in der staatlichen Minderheitenpolitik
Zwar gelang es den Osmanen Dersim als osmanisches „Sancak“16 wenigstens auf der Landkarte in die bürokratische Struktur einzuverleiben, aber der dortige Staatsapparat konnte sich aufgrund der fehlenden Akzeptanz nie richtig etablieren.17 Um die nicht bezahlten Steuern einzutreiben schickten die osmanischen Herrscher immer wieder Bestrafungstrupps nach Dersim, die Felder in Brand setzten und der Bevölkerung ihr Vieh wegnahmen. Die Stämme rächten sich nach Abzug der osmanischen Truppen mit Raubzügen im Umland und holten so zum Teil ihr Vieh wieder. Bis zur Absetzung des letzten osmanischen Sultans, Abdülhamit dem Zweiten, durch die „Ittihadisten“18 im Jahre 1908 und weiter noch vom Beginn des türkischen Befreiungskampfes bis hin zur Republikgründung 1923 änderte sich die Stellung Dersims nicht wesentlich. Die Bestrafungspolitik der Osmanen gegenüber jeglichen Minderheiten alevitischer, armenischer oder kurdischer Herkunft wurde von den Jungtürken weiter fortgesetzt. Als im Jahre 1921 in Kocgiri-Sivas eine Revolte von kurdischen Aleviten gegen das Regime losbrach, wurden in einer militärischen Befriedungsaktion dutzende Dörfer dem Erdboden gleichgemacht und tausende Menschen fanden ihren Tod. Aufgrund der Verwandtschaft der alevitischen Kocgiri-Stämme mit den Stämmen in Dersim fanden viele dort Unterschlupf, was zweifellos der politischen Führung missfiel. Man muss hinzufügen, dass die als Staatsfeinde angesehenen Armenier und die Aleviten in Dersim über gute Kontakte verfügten. Im Jahre 1915 konnten ca. 20.000 Armenier aus Harput mit Hilfe der Stämme von Dersim ihr Leben retten, indem sie über das Dersim-Gebiet in das damals von russischen Truppen besetzte Erzincan eskortiert wurden.19

Die Republikgründung von 1923 wurde von vielen Aleviten, auch denen in Dersim, zunächst als Befreiung vom Osmanischen Joch empfunden. Dies wurde durch die Abschaffung des Kalifats und der Schariagerichtshöfe 1924 durch Atatürk noch verstärkt. Die Zeit der Verfolgung als „Outlaws“ und die religiöse Stigmatisierung sahen viele Aleviten endlich als beendet an und akzeptierten sogar das indirekte Verbot ihrer Religion durch das „Tekke und Zaviye“ Gesetz von 1925 stillschweigend.20 Durch dieses Gesetz, welches als Folge des Seyh Sait Aufstandes erlassen wurde, deren Führer dem sunnitischen Nakschibendi-Orden angehörten, wurden alle von Aleviten und Bektaschiten genutzten Gebetsstätten sowie fast alle religiösen Titel verboten und mit Scharlatanismus gleichgesetzt.21 Das Verbot traf auch das Zentrum des Westalevitentums in Hacibektas. Das dortige religiöse Zentrum wurde den Bektaschiten entrissen und in ein Museum verwandelt, was es noch heute ist. Dieses widerspruchslose Dulden seitens der Aleviten machte sich aber nicht bezahlt. Nach der Niederschlagung der bis dahin größten Rebellion von sunnitischen Zaza in Bingöl und Diyarbakir unter Scheich Said, der sich im Jahre 1925 nach der Abschaffung des Kalifats gegen die türkische Republik erhob, gerieten, wie man aus offiziellen Dokumenten in Erfahrung bringen kann, vermehrt die Dersim-Stämme in das Blickfeld der türkischen Nationalisten. Man muss aber betonen, dass sich die in der Aufstandsregion lebenden alevitischen Stämme „Lolan“ und „Xormekan“ aufgrund der religiösen Unterschiede nicht an der Rebellion beteiligten, sondern gegen die als Gefahr empfundenen sunnitischen Seyh Said Anhänger an der Seite der türkischen Armee kämpften.22 Die Dersim-Stämme wurden aufgrund dieses Verhaltens in der Hauptstadt Ankara im Jahre 1926 mit Ehren empfangen und ausgezeichnet.23 Auch während des türkisch-russischen Krieges 1916-1918 verteidigten die Dersim-Stämme ihr eigenes Territorium und indirekt das türkische Regime gegen die bis nach Erzincan vorgestoßenen Russen. Einige Stammesführer wurden dafür mit Orden ausgezeichnet. Sowohl die russische Invasion als auch der Seyh Sait Aufstand kamen dem Dersim-Gebiet gefährlich nahe, wobei der religiös geleitete Seyh Sait Aufstand von den Aleviten als Existenzbedrohung angesehen wurde.24 Dersim war daher keine feindliche Macht, die die junge türkische Republik bedrohte, sondern eher eine die eigene Autonomie verteidigende den Reformen Atatürks wohlgesinnte Stammesvereinigung.
 
3.    Türkisierungspläne und -gesetze
Die Elite der türkische Republik verfolgte aber, vor dem Hintergrund des Verlustes des Balkanterritoriums und der arabischen Halbinsel in der letzten Periode des osmanischen Reiches, in ideologischer Anlehnung an die Ittihadisten eine gezielte Türkisierungspolitik aller nichttürkischen Völker in den Ostgebieten25 und stand jeglicher Autonomie daher feindlich gegenüber. Das übriggebliebene anatolische Kernland sollte erhalten bleiben und in der Staatsform eines türkischen, laizistischen Nationalstaates reorganisiert werden. Da das armenische Problem seit 1915 gelöst war und auch die christlichen Griechen nach Griechenland deportiert worden waren, blieben nur noch die aufsässigen Kurden und das quasi autonome Dersim übrig. Für die Kemalisten galt trotz der ethnischen Heterogenität Dersims die Region als „kurdisches“ Widerstandsnest mit dem weiteren Makel, dass Dersim eine alevitische Hochburg im ansonsten homogen sunnitischen Ostanatolien darstellte. Hans-Lukas Kieser spricht von einer doppelten Stigmatisierung, wodurch die Militäraktionen von 1938 erst zum Vernichtungsfeldzug ausarteten.26

Das Hauptbeweisdokument dieser minderheiten-feindlichen Staatsdoktrin stellt der „Sark-Islahat“27 Plan von 1925 dar. Darin war die Aufteilung der Ostgebiete in fünf Inspektorate und die Deportation von Teilen der kurdischen Bevölkerung in den Westen und die Ansiedlung von muslimischen Einwanderern aus dem Balkan und dem Kaukasus in die früher von Armeniern bewohnten Gebiete vorgesehen. Dieser Plan stellt den ideologischen Grundpfeiler der türkischen Assimilationspolitik dar und enthielt auch besondere Regelungen für Dersim. Speziell für Dersim wurde die Errichtung von Mädcheninternaten vorgeschlagen und Teile der Bevölkerung sollten ins benachbarte Sivas überführt werden. Die Internate sollten die Assimilierung der weiblichen Bevölkerung vorantreiben, was besonders nach 1938 ausgeweitet wurde während mit der Ansiedlung in Sivas die Entvölkerung des Dersim- Stammlandes bezweckt wurde. Weiter wurde in dem Plan verfügt, dass die als gefährlich eingestuften Familien in den Westen deportiert werden sollten und im Gegenzug nur die regimefreundlichen Familien bleiben durften. In den Inspektoraten galt das Notstandsrecht fort. Für die Verwaltung der Gebiete wurden zudem Gouverneure mit militärischen Befugnissen eingesetzt (sog. ummumi müfettis). Das öffentliche Sprechen der kurdischen Sprache sollte aus Gründen der Vermeidung der Kurdisierung der türkischen Bevölkerung unterbunden werden. Der Sark-Islahat Plan steht somit für die deutliche Abkehr von den Autonomieversprechungen der Nationalisten während des türkischen Unabhängigkeitskrieges.28

a. Berichterstattung über Dersim
Die besondere Situation Dersims war bereits im osmanischen Reich Anlass zur Berichterstattung über das Vorgehen und die Möglichkeiten der Befriedung des Gebietes. Viele Punkte des Sark-Islahat Plans finden sich auch in diesen Berichten. Der erste Bericht ist auf das Jahr 1896 datiert und von Zeki Pascha verfasst worden. Zeki Pascha schlug vor, die Stämme, die sich den Osmanen widersetzten, durch zwangsweise Aussiedlungsaktionen in den Yemen oder nach Lybien zu bestrafen und zeitweise das Notstandsrecht auszurufen.29 Ein weiterer Bericht von 1899 von Sakir Pascha bezieht sich auch auf die Religion der Dersim-Stämme. Er schlug vor (dieser Vorschlag findet sich auch im ersten Bericht von 1896 wieder) den Nakschibendi-Orden in Dersim zu installieren, um die dortigen Aleviten zu assimilieren.30

Auch die türkische Republik fertigte viele Berichte an, die heute Licht in das Dunkel der Massaker von 1938 bringen. Der Bericht vom Verwaltungsinspektor Hamdi Bey aus dem Jahre 1926, der vom Innenministerium speziell nach Dersim entsandt worden war, hält eine endgültige Befriedung nur mit Waffengewalt für aussichtsreich. Die Vorstellung die Bewohner Dersims durch Schulen, Straßen, Fabriken und Zivilisationsmaßnahmen zu erziehen, sei nichts weiter als ein Hirngespinst. Dersim sei vielmehr eine „Eiterbeule“ die nur durch ihre vollständige „Wegoperierung“ zu heilen sei, schrieb Hamdi Bey.31 Hamdi Beys Äußerungen von der „Eiterbeule“ benutzte später auch der Innenminister Sükrü Kaya in einer Rede.32

Es gab aber auch in der Republik Beamte, die ein sanftes Vorgehen vorschlugen. Der Gouverneur von Diyarbakir, Cemal Bardakci, schrieb in seinem Bericht, dass die durch Provokationen mancher Beamter und durch die schlechte Behandlung seitens der sunnitischen Bevölkerung entstandenen Unruhen durch eine rationale Politik schnell zu einem Ende kommen würden. Um Leib und Leben zu schützen, so Bardakci, mussten sich die Bewohner bewaffnen. Er hält jedoch auch an dem Deportationsgedanken fest, und schlägt die Aussiedlung der Agha Familien nach Malatya und Elazig vor.33. Cemal Bardakci wurde 1931 nach Konya in Zentralanatolien versetzt, was ein Zeichen dafür ist, dass seine Thesen keinen Anklang gefunden haben. Der Bericht von Hamdi Bey hatte sich dagegen in der Staatselite durchgesetzt.

Ein weiterer wichtiger Bericht der die damalige Gesinnung wiedespiegelt und die Ausführungen von Hamdi Bey vervollständigte, war der von Fevzi Cakmak. Der spätere Generalstabschef in der Dersim-Offensive 1938, Fevzi Cakmak , war in seinem Bericht von 1930 für eine endgültige militärische Befriedung der Dersim-Region. Die Menschen in Dersim könnten nicht durch Sanftmut gewonnen werden. Dersim sei vielmehr als Kolonie zu betrachten und daher wie eine solche zu führen. Die Menschen sollten bis nach Thrakien in türkische Taldörfer verteilt und unter Polizeibewachung gestellt werden. Eine Rückkehr nach Dersim durfte nicht mehr erfolgen.34

Das Dersim-Problem war in den Augen der Machtelite alles in allem nicht nur ein aktuelles Sicherheitsproblem, dem man mit Gewalt Herr werden wollte, sondern deren Widerstandsgeschichte und die Unbeugsamkeit der Bewohner erregte deren Zorn besonders. Als Mittel sollten daher Assimilation, Zwangsaussiedlung und militärische Gewalt bis hin zur Vernichtung der Bevölkerung zur Anwendung kommen.

b. Gesetzgebung bezüglich Dersim
Vor allem in den Gesetzen dieser Zeit findet man die wichtigsten Maßnahmen zusammengefasst wieder. Die wichtigsten davon sind das „Iskan“(Ansiedlungs-) Gesetz von 193435 und das „Tunceli-Gesetz“ von 193536. Das Ansiedlungsgesetz von 1934 ist deshalb so besonders, weil es nach 1938 in Dersim zur Anwendung kam. Das Staatsgebiet wurde im Gesetz in drei Zonen aufgeteilt. Mit Zone 3 waren die Gebiete gemeint, die entweder Militärgebiet waren, eine besondere politische Bedeutung hatten oder ein Sicherheitsproblem darstellten. Dersim befand sich als Sicherheitsproblem somit in Zone 3 und war für die Besiedlung gesperrt. Die Bevölkerung dieser Zone sollte in die Zonen 1 und 2 überführt werden und nie wieder in ihre angestammte Heimat zurückkehren. Die nichttürkische Bevölkerungsquote durfte innerhalb der türkischen Provinzen nicht über 10 Prozent betragen und sollte so gut wie möglich verstreut werden. Eine andere Bestimmung dieses Gesetz besagt, dass die Deportierten das unbewegliche Vermögen, das sie in ihrer Heimat besessen hatten, im Ansiedlungsgebiet gestellt bekommen sollten. Nach 1937 als die große Zwangsaussiedlungswelle begann, wurde dieses Gesetz in Dersim zu Grunde gelegt. Das Ansiedlungsgesetz von 1934 ist heute immer noch das gültige Ansiedlungsgesetz der Türkei.

Das wichtigste im Jahre 1935 erlassene Gesetz ist das „Tunceli-Gesetz“. Der Name Dersims wurde darin in Tunceli geändert, was soviel heißen soll wie „Bronzene Hand oder auch Bronzenes Land“. In dem Gesetz wurde Dersim im 4. Inspektorat zusammengefasst, und ein Inspektor mit hoheitlichen, militärischen und staatsanwaltlichen Befugnissen eingesetzt, der die Macht der Exekutive, Legislative und Judikative in sich bündeln konnte. Der Inspektor konnte insbesondere Todesstrafen ohne parlamentarische Absegnung ausführen lassen sowie die Deportation von Menschen beschließen. Die Berufung gegen ein Todesurteil wurde durch dieses Gesetz abgeschafft und die Anklage wurde den Angeklagten nicht mitgeteilt. Eine Verteidigung war nur innerhalb von zwei Tagen möglich. Der türkische Staat setzte in Dersim seine eigene Verfassung außer Kraft. Der Verweis eines Abgeordneten auf die Verfassung in Bezug auf die Todesstrafe fand keine Beachtung und wurde mit den besonderen Zuständen in Dersim gerechtfertigt.37 Innenminister Sükrü Aslan sagte hierzu: “Obwohl der Rest des Landes sich in Disziplin befindet, macht uns die Situation in Dersim schwer zu schaffen. Wir müssen definitiv Vorkehrungen treffen.“38 Das öffentliche Inspektorat in Dersim ist die Realisierung der Kolonialpläne von Generalstabschef Fevzi Cakmak, der die Behandlung Dersims als Kolonie vorschlug. Als Inspektor wurde General Abdullah Alpdogan eingesetzt, der bereits bei der blutigen Befriedung des Kocgiri-Gebietes im Einsatz war und der damals schon für einen Einmarsch in Dersim appellierte.39 Dieses Gesetz blieb bis 1946 in Kraft.

Der entscheidende juristische Schritt für die Endlösung des Dersim-Problems wurde am 04. Mai 1937 in der geheimen Sitzung des Ministerrats getan. Der daraus hervorgegangene Beschluss des Ministerrates mit den Unterschriften von Staatspräsident Mustafa Kemal Atatürk und Premierminister Ismet Inönü markiert den Beginn des letzten staatlichen Vernichtungsfeldzuges gegen Dersim und des größten Völkermordes in der Geschichte der türkischen Republik. Die Deportation von zunächst 2.000 Menschen und die Verfügung von Sperrzonen wurden in diesem Beschluss angeordnet. Am 06. August 1938 wurde der Ministerratsbeschluss erweitert und die Deportation von weiteren 5.000-7.000 Menschen in den Westen der Türkei beschlossen. Auch Dörfer außerhalb der Sperrzonen wurden zerstört und deren Bewohner deportiert. Der Jahrestag der Ministerratsentscheidung vom 04. Mai 1937 wird von den Organisationen der Bevölkerung von Dersim als Beginn der Offensive angesehen und wird als Erinnerungstag für den Dersim Genozid in Europa und in der Türkei wach gehalten.

3.    Die „Endlösung“ Dersim 1937/1938
Die am 4. Mai 1937 angeordnete Strafexpedition gegen Dersim teilte sich in zwei Phasen auf. Die erste Phase begann nach dem Ministerratsbeschluss vom 4. Mai 1937 und endete am 15. November 1937 mit der Erhängung von sieben Stammesführern und alevitischen Geistlichen in Elazig. Besonders Seyyit40 Riza, der Anführer des Abbasan-Clans, wurde als „Sündenbock“ auserkoren und diente der türkischen Republik als Anführer eines separatistischen Aufstandes, den es eigentlich nicht gab.41 Um die Pläne der Regierung zu durchkreuzen und um die Zivilbevölkerung zu schützen, stellte er sich an der Grenze zu Erzincan den türkischen Truppen. Insgesamt 58 Personen wurde am „Tunceli Gerichtshof“ in Elazig „kurzer Prozess“ gemacht. Der damals ca. 75-jährige Seyyit Riza der gesetzlich gesehen zu alt für die Todesstrafe war, wurde mit gefälschten Gutachten verjüngt, sein minderjähriger Sohn wurde dagegen für volljährig erklärt, um die verhängte Todesstrafe vollziehen zu können.42 Insgesamt sieben Stammesführer, darunter der Sohn Seyyit Rizas, wurden erhängt und 37 weitere wurden zu schweren Gefängnisstrafen verurteilt. Diese Informationen bezog die Öffentlichkeit über die Erzählungen und Memoiren des Polizeichefs von Malatya, Ihsan Sabri Caglayangil, der 1937 nach Dersim beordert wurde, um die Vollziehung der Todesstrafen durchzuführen. Er sollte später Außenminister der Türkei werden. Er gab auch die letzen Worte von Seyyit Riza wieder: “Wir sind die Nachkommen Kerbelas43, wir sind ohne Schuld, es ist eine Schande, es ist eine Tyrannei, ein Mord.“ Danach stieß Seyyit Riza den Zigeuner weg, der die Todesstrafe vollstrecken sollte, legte sich eigenhändig den Strick um den Hals und vollstreckte die Todesstrafe selbst. Caglayangil war beeindruckt von der Tapferkeit dieses alten Mannes, wie er selbst schrieb.

Die „Rebellionslüge“ wurde in die Welt gesetzt, um die ausgearbeiteten Assimilations- und Deportationspläne in die Tat umzusetzen, die die politische Elite so befürwortete. In der türkischen Geschichtsdeutung werden als Beweise für eine Rebellion die Inbrandsetzung einer Holzbrücke in Zentraldersim und die anschließenden Gefechte mit Soldaten im März 1937 genannt. Die Vorfälle vom März 1937 dienten als geeigneter Vorwand zur Invasion Dersims durch türkische Truppen, die die Militärführung bereits Jahre vorher rund um Dersim stationiert hatte. Die Dörfer Dersims wurden von der Luft aus bombardiert und vom Land aus griffen Soldaten Verstecke der Zivilbevölkerung an. Selbst die Adoptivtochter Atatürks, Sabiha Gökcen, die als erste Kampfpilotin der Türkei bezeichnet wird, war an den Luftangriffen auf zivile Ziele beteiligt. Genaue Opferzahlen sind nicht bekannt aber die Überlebenden sprechen von mehreren Tausend getöteten Unschuldigen. Von Caglayangil stammt auch die Information über den Gebrauch von Giftgas gegen die Zivilbevölkerung, die sich in Höhlen zurückgezogen hatte. Man habe die Dersim-Kurden egal welchen Alters wie Mäuse vergiftet, sagte er in einem Interview. „Es wurde eine blutige Expedition.“44 Der spätere Oberkommandant der türkische Luftwaffe, Muhsin Batur, hüllt sich über seinen mehrmonatigen Spezialeinsatz als Soldat in Dersim im Jahre 1937 in Schweigen. In seinen Memoiren bittet er die Leser um Verzeihung, weil er über diesen Teil seines Lebens besser nicht berichten wolle.

Die Invasion geschah aber auch in einer Zeit als die Region Dersim schon seit Jahren als befriedetes Gebiet galt. Die Vorkommnisse lagen nach Statistiken des regionalen Inspektorats im Jahre 1936 bei quasi null.45 Weiter wurden bereits im Vorfeld der Aktion von 1937 bis zu 7.880 Gewehre seitens des Staates von den Dersim-Stämmen eingesammelt, die diese vom türkischen Staat erhalten hatten, um gegen die russische Armee zu kämpfen. Es gab Straßen, Kasernen und Schulen in Dersim. An einer Rebellion hatte die Bevölkerung daher überhaupt kein Interesse. Die türkischen Jakobiner konnten aber aufgrund ihres Militarismus und ihrer Ungeduld die endgültige Unterwerfung Dersims nicht länger abwarten.46 Die Irrationalität des staatlichen Vorgehens wird im Lichte der weiteren Vorkommnisse aber noch viel deutlicher. Der zur ersten Phase der Feldzuges amtierende Ministerpräsident, Ismet Inönü, erklärte in seiner Rede zur Eröffnung des Parlaments am 18.09.1937, das nach der Verhaftung von 849 Personen darunter aller Stammesführer und der Tötung von 265 Rebellen (die getöteten Zivilisten zählt er nicht mit), dass das Dersim-Problem endgültig beendet sei. Inönü sah im Anschluss an die militärische Befriedung in der Folgezeit nur noch Infrastrukturmaßnahmen für Dersim als notwendig an.47 Dass das Dersim-Problem nicht ad acta gelegt wurde beweist die anschließende Absetzung Inönüs und der Beginn der militärischen Offensive von 1938. Ismet Inönü wurde am 25.10.1937 des Amtes enthoben und Celal Bayar von Atatürk zum Ministerpräsidenten auserkoren, der die Aktionen von 1938 dann auch leitete. Um die Absetzung Inönüs ranken sich einige Theorien. Die glaubwürdigste besagt, die von Celal Bayar selbst stammt, besagt, dass der Staatsführer Atatürk ein weitergehendes Vorgehen in Dersim wünschte, und es zu einem Zwist zwischen Inönü und Atatürk über die Fortsetzung der Dersim-Offensive kam. Atatürk hielt anscheinend Bayar für geeigneter und setzte daher diesen als Ministerpräsidenten ein.48

a. Opferzahlen
Die Invasion mit den verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung und den größten Verlusten von Menschenleben wurde am 11.06.1938 eingeläutet und dauerte bis zum 31.08.1938 fort. Die Tötungen vollzogen sich in drei Schüben, von denen der letzte Schub 17 Tage dauerte und allein in dieser Aktion nach amtlichen Dokumenten ca. 8.000 Menschen starben. Dabei wurden aber nur ca. 1.000 Gewehre sichergestellt.49 Weiter wurden in der ersten Deportationswelle nach dem Ministerratsbeschluss vom 4. Mai 1937 erst 2.000 Menschen, später im August 1938 bis zu 7.000 Menschen zusätzlich gefangengenommen und deportiert. In beiden Invasionsphasen von Mai 1937 bis September 1938 wurden nach amtlichen Dokumenten insgesamt 13.100 Menschen getötet und insgesamt 7.000-12.000 Menschen deportiert.50 Wobei im Jahr 1937 nach offiziellen Angaben nur von 265 getöteten Rebellen die Rede ist und der Rest der Getöteten sich auf das Jahr 1938 verteilt. Demnach sind allein in den drei Monaten des Feldzugs im Jahr 1938 ca. 13.000 Menschen offiziell umgebracht worden. Nicht von der Hand gewiesen werden kann daher, dass es sich um ethnische Säuberungen gehandelt hat. Die Zahl der getöteten Soldaten lag im Vergleich dazu bei wenigen Hundert. Ein bewaffneter Aufstand hätte definitiv tausende Soldatenleben gekostet. Viele der Dorfbewohner waren zur Zeit der Invasionen ganz im Gegenteil in ihren Dörfern verblieben und machten sich keinerlei Sorgen, da insgesamt nur sechs Stämme für die Unruhen verantwortlich gemacht wurden und diese bereits 1937 „gezüchtigt“ worden waren. Die Soldaten gingen aber auch gegen diese restlichen Stämme vor und vernichteten ganze Dörfer mitsamt der Bevölkerung. Vor allem die Dörfer der Seyyitfamilien sowie Dedes und Pirs51 wurden besonders verfolgt und deren Bevölkerung ausgelöscht. Das Ziel war es, die alevitischen Geistlichen zu bestrafen und das Ocak-System zu zerstören, das Dersim unter den Osmanen so lange zusammenhielt.52

Premierminister Erdogan berief sich in seiner Rede vom 23.11.2011 auf ähnliche Zahlen (13.806 Tote und 13.600 Deportierte) die er aus seinem eigenen Premierminister-Archiv bezog und sprach ganz offen von Massakern an der Zivilbevölkerung. Hinsichtlich der Opferzahlen gehen die Zahlen der Bevölkerung aber weit auseinander. Bei einer Einwohnerzahl Dersims nach der Einwohnerzählung 1935 von etwas über 100.000 Bewohnern kommen Experten auf mindestens 30.000 bis 50.000 Tote.53 Selbst vor Frauen und Kindern wurde beim Morden kein Halt gemacht. Von Necip Fazil Kisakürek, Lyriker und Ideologe der türkischen Rechten, der als Soldat in Dersim 1938 diente, erfuhren konservative Kreise erstmals mehr über die Massaker in Dersim. Kisakürek war Zeuge der Tötung von 75 Zivilisten in der Region Hozat, die bei lebendigem Leib in einer Scheune verbrannt wurden. Nach seiner Schilderung starben weit mehr als 50.000 Menschen in Dersim.54 Nach weiteren Augenzeugenberichten schwammen die Leichen der Getöteten auf dem Fluss Munzur, der sich durch das Blut tagelang rot färbte. Viele der Dorfbewohner, vor allem die in den entlegenen Bergdörfern, waren außerdem zu der Zeit nicht in den Einwohnermelderegistern eingetragen und flossen daher auch nicht in die amtliche Todesstatistik mit ein. Zudem sprechen die Zeugen, die im Kindesalter die Massentötungen aus Verstecken heraus beobachten konnten oder verletzt überlebten, von der Entsorgung der Leichen in Flüssen oder von der Verbrennung der Leichname. Daher kann den offiziellen Zahlen nur bedingt Glauben geschenkt werden. Auch die Verschiebungen hinsichtlich der Anzahl der Siedlungen innerhalb Dersims sind bedeutsam. Die offizielle Bevölkerungsstatistik von 1935 spricht von damals 525 Siedlungen in Dersim, im Jahre 1940 werden aber nur noch 373 Dörfer aufgezählt. Insgesamt 134 Dörfer wurden demnach ohne Erklärung seitens der Behörden aus der Statistik entfernt.55

Hinzu kommen noch andere Opfer der Massenmorde, wie die Hunderten Mädchen, die von Soldaten adoptiert und weggeschafft worden waren und über die bis heute keine genauen Informationen vorliegen. Einige Mädchen hatten es im Nachhinein über die Hilfe ihrer Adoptiveltern oder über die Recherchen ihrer eigentlichen Verwandten geschafft ihre richtigen Familien wiederzufinden.56 Zudem gibt es keine genauen Informationen über die Zwangsumgesiedelten und deren erlittenes Leid. Nach September 1938 wurde die Massentötungen eingestellt und mit den Massendeportationen von über 12.000 Menschen in den Westen der Türkei begonnen.57 Die Menschen wurden jeweils in Vierer-Gruppen aufgeteilt und in Dörfer westlich von Kayseri verstreut, genauso wie im „Iskan-Gesetz“ von 1934 beschlossen wurde. Die Deportierten durften erst nach 1948 wieder nach Dersim zurückkehren. Viele Familien wurden voneinander getrennt und über das ganze Staatsgebiet verteilt. Manche bis nach Thrakien. Durch die Verhängung von Sperrzonen blieben zudem große Gebiete Dersims bis ins Jahr 1950 entvölkert und für die Wiederbesiedlung gesperrt. Ihsan Sabri Caglayangil beendet ein Interview, das er in den 80er Jahren mit keinem anderen als den späteren CHP-Chef Kilicdaroglu geführt haben soll, mit dem Satz: “Ja, die Angelegenheit in Dersim wurde gelöst. Die Autorität der Regierung kam in die Dörfer von Dersim. So wurde das Dersim-Problem beendet.“58

4.    Akteure, Instrumentalisierung, Trauma
Die Türkei blieb bis ins Jahr 1946 ein Einparteienstaat. Die bis dahin in der Staatspartei CHP zusammengefassten politischen Kader waren alle, wie die Berichte und Gesetze der Zeit beweisen, aktiv am Massenmord in Dersim beteiligt. Vom Staatsgründer und Präsidenten Mustafa Kemal Atatürk, den Premierministern Ismet Inönü und Celal Bayar, dem Innenminister Sükrü Kaya bis hin zum Generalstabschef Fevzi Cakmak und dem Inspektoratsleiter in Dersim, Abdullah Alpdogan, trägt die ganze Machtelite der Zeit die Verantwortung für die Morde und Deportationen. Nach 1946 wurden die meisten Funktionäre von damals zu Gründern der rechtskonservativen Parteien der Türkei. Die Demokratische Partei (DP), gegründet von Celal Bayar, und deren Nachfolgeparteien hatten ab 1950 fast immer die politische Oberhoheit im Staat. Die heutige AKP zählt auch zu dieser politischen Linie. Fevzi Cakmak wurde zum Gründer der rechts-religiösen Millet Partei (MP) die letztendlich die ultranationalistische MHP (Graue Wölfe) hervorbrachte.59 Die gesamte Staatsführung, von den strengen Laizisten bis zu den religiös Konservativen hat sich daher einer Aufarbeitung zu stellen.

Der Genozid von Dersim wird seit 1937 bis heute, verpackt in einer nationalistischen Zivilisationsrhetorik, instrumentalisiert.60 Die Republik hätte den imperialistisch unterstützten pro-kurdischen Großgrundbesitzeraufstand Seyyit Rizas niedergeschlagen und die Modernität nach Dersim gebracht. Die Enkelin Ismet Inönüs und jetzige CHP-Abgeordnete, Gülsün Bilgehan, sagte noch vor kurzem zu Reportern, dass die Deportationen von 1938 auch was Gutes an sich hatte. Zwar passten die Ereignisse von Dersim nicht in die heutige Menschenrechtsauffassung aber letztendlich zähle das Ergebnis. Heute kämen die zivilisiertesten, gebildetsten und demokratischsten Menschen der Türkei aus Tunceli (Dersim). Auch die Deportationen sind nach Bilgehan positiv zu bewerten, da die Mädchen im Exil eine gute Ausbildung bekommen hätten. Wären sie in diesen mittelalterlichen Bedingungen steckengeblieben, hätten sie nicht diese Familien gründen können, so Bilgehan.61 Bilgehan repräsentiert das kemalistische Bürgertüm der Türkei. Viele Kemalisten sind noch verhaftet in einem Kolonialdenken. Die Überbringung der Früchte der türkischen Revolution an vermeintlich unzivilisierte, archaische Bergstämme brachte diesen aber nicht mehr Zivilisation, sondern den Verlust ihrer gesellschaftlichen Einzigartigkeit.62

Das Volk von Dersims ist zudem bis heute noch ernsthaft traumatisiert. Die Überlebenden von 1938 haben lange mit niemandem über die Ereignisse reden können und versuchten ihre Kinder von jeglicher Politisierung fernzuhalten. Bis heute hält sich in den Köpfen der Irrglaube, dass Atatürk keinerlei Wissen über die Massenmorde gehabt habe und zu der Zeit bettlägerig gewesen sei. Vielmehr sei Ministerpräsident Celal Bayar der Schuldige. Am 10.11.1938 starb Atatürk tatsächlich an Leberzirose. Dass aber der unumstößliche Führer der Republik nach Erhängung Seyyit Rizas Ende 1937 auf Inspektionsreise in Dersim war, Celal Bayar einsetzte, alle in diesem Bericht aufgezählten Gesetze unterschrieb und den Invasionsplan auf Dersim selbst erstellte, findet sich im kollektiven Gedächtnis der Opfer nicht wieder oder wird verdrängt. Die angebliche Krankheit hielt Atatürk nicht auf, kurz vor Beginn der Massenmorde am 29. Mai 1938, auf einer Reise in Adana und Mersin zu verweilen.63 Die Sichtweise der Opfergeneration schuldet sich der immensen Traumatisierung und dem Überlebensinstinkt, den sie an den Tag legen musste, um ihre Kinder innerhalb der türkischen Republik aufzuziehen, die Atatürk ikonisierte. Die Opfer mussten an dem Ort der Verbrechen weiterleben und ihre Nachkommen aufziehen ohne diese dabei durch ihre Vergangenheit zu radikalisieren. Wahrscheinlich erschien ihnen auch die Ermordung zehntausender Unschuldiger so irrational, dass sie sich einfach nur an etwas festhalten wollten. Erst die Enkel der Opfer, die sich des Völkermordes von Dersim widmeten, konnten vieles durchblicken und an zum Teil geheime Informationen gelangen, die diese Sichtweise zerstörten.

Man muss dazu sagen, dass auch die meisten linksgerichteten Kräfte bis hin zu den Kommunisten an der Aufstandsthese des Staates festhielten und Seyyit Riza als großen Rebellen in ihre Agitation und Propaganda einbauten. Auch die kurdische Bewegung in der Türkei instrumentalisierte die Widerstandsgeschichte Dersims und zählt die Ereignisse von 1937 und 38 als großen pro-kurdischen Aufstand neben dem Seyh Said und dem Ararat64 Aufstand. Leider so muss man sagen, führen die eigentlich regimekritischen Kräfte der Türkei die offizielle Geschichtsversion der Kemalisten heute noch zum Teil fort und unterstützen deren These vom „Dersim-Aufstand“ auf ihre Weise.65 Wenn die aktuelle Dersim Diskussion noch etwas gebracht hat, dann das, dass sie die Unwahrheit dieser These entlarvt hat.
   
III.    Schlussteil: Rückkehr in das kollektive Bewusstsein
Der Völkermord von Dersim ist, wie gesagt, nach 74 Jahren erneut wieder in das kollektive Bewusstsein der Öffentlichkeit getreten. Die Selbstorganisationen der Bevölkerung von Dersim, allen voran die Föderation der Dersimgemeinden in Europa e.V. (FDG) leistet schon seit Jahren einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung dieses Verbrechens und tut ihren Anteil daran, dass 1938 nicht wieder aus dem Bewusstsein der Menschen entweicht.

1.    Dersim 1937/38 Oral History Projekt
Föderation der Dersim Gemeinden in Europa (FDG) hat Dersim 1937-38 Oral History Projekt im Jahr 2009 ins Leben Gerufen. Das Hauptziel dieses Projektes ist die Gründung zweier Archiv- und Dokumentationszentren in Europa und in Dersim. Die Schilderungen der direkten Überlebenden und der Nachfolgegenerationen sollen darin für die Nachwelt aufgehoben werden. Ein elementarer Teil ihrer Arbeit ist die Dokumentation und Archivierung der Gespräche mit den noch lebenden Zeitzeugen des Völkermordes.66 An die 500 bis 1000 Zeugen leben noch verstreut innerhalb der Türkei, die meisten davon in Dersim. Rund 250 von ihnen haben die Mitarbeiter des Dersim 1937/38 Oral History Projekts schon interviewt und bereiten sich auf den 3. Mai 2012 vor, an dem sie die bisher gesammelten Informationen veröffentlichen wollen. Die heute über 80 und 90 Jährigen Zeugen haben zumeist als Kinder oder Jugendliche die Massaker überlebt, manche von ihnen tragen noch die Einstichstellen der Bajonette an ihren Körpern. Viele Zeugen berichten, dass sie von Soldaten an Flussufer oder Schluchten gebracht und dort niedergeschossen wurden. Die noch lebenden und von den Kugeln nicht getroffenen, wurden mit den Bajonetten aufgespießt. Einige Überlebende hatten die Bajonetteinstiche ertragen und sich nach dem Abzug der Soldaten weggeschleppt. Solch grausame Geschichten sind leider die Regel. An ca. 100 Orten in Dersim haben sich solche Massaker zugetragen. An keinem dieser Orte kam es zu Untersuchungen, obwohl die Menschenknochen zum Teil offen verstreut liegen. Das Projekt kämpft außerdem gegen die Zeit. Viele, damals Erwachsene, heute über 90 jährige, Zeugen sind leider schon verstorben, manche sogar noch kurz vor dem Interviewtermin. Manche haben aber noch ihr ertragenes Leid erzählen können. Die Traumatisierung der Opfer ist zum Teil so groß, dass ein Teil heute noch Angst hat, dass ihren Kindern etwas zustößt, falls sie reden. Viele ziehen es daher vor zu schweigen und nehmen ihre Erinnerung mit in den Tod. Da schriftliche Aufzeichnungen der Opfer über die Ereignisse von 1937/38 fehlen, sind deren mündlich weitergegebenen Erinnerungen die einzige Quelle der Erkenntnis. Die systematische Archivierung dieser Erzählungen und die Gründung der dazugehörigen Institutionen ist eine Hauptaufgabe des Projektes. Die wissenschaftliche Forschung und die Allgemeinheit würden davon profitieren.

Auch einige wenige Soldaten von damals sind unter den Interviewten. Mehmet Ali Cavus aus Erzurum berichtet von den Verbrechen aus der Täterperspektive.67 Als Soldat hätte er viele Dorfbewohner aus ihren Dörfer geholt und sie an das Flusstal „Kutu Deresi“ gebracht, wo sie in Gruppen erschossen und anschließend ihre Leichname verbrannt wurden. Der heute fast 100. jährige hat den Geruch der Verbrannten immer noch in seiner Nase und die Schreie der Menschen hört er nachts in seinen Träumen. Besonders die der Frauen, die mit dem Gewehrlauf erschlagen wurden, um Munition zu sparen. Sie hätten „Ya Ali“ und „Ya Xizir“68 gerufen, sagt er. Waffen hätten die Dorfbewohner keine besessen.

Mehmet Ali Cavus beschreibt in dem Interview auch wie seine Vorgesetzten die vorwiegend sunnitschen Soldaten aufstachelten, indem sie sagten, die Dorfbewohner seien „Kizilbas“, also Aleviten. Dies sollte den Soldaten den Auftrieb geben, diese immense Brutalität an den Tag zu legen. Auch der Inspektoratsleiter Dersims von 1938 Abdullah Alpdogan, trug diese armenophobe Einstellung in sich. Nach der Beendigung der Dersim Offensive sagte er in einer Rede, der Dersim-Aufstand sei von Armeniern angestachelt worden, die sich nach 1915 in Dersim versteckt hatten. Diese wären die eigentlichen Übeltäter.69 Die politischen Eliten hatten den Dersim-Stämmen die Rettung von zehntausenden Armeniern im Jahre 1915 anscheinend besonders übel genommen.

2.    Gerichtliche Verfahren und Forderungen
Die Überlebenden und Leidtragenden der Verbrechen von 1938 haben immer wieder erfolglos versucht ihre Forderungen auf Bestrafung der Täter, die Untersuchung aller Tatorte von Massenexekutionen und die Anerkennung der Ereignisse von 1937/38 als Genozid gerichtlich durchzusetzen. Die Staatsanwaltschaft kam im Verfahren „Efe Bozkurt“ in Anlehnung der Aufstandsthese zu einer Einstellung des Verfahrens. Danach hätte der Staat nur einen separatistischen Aufstand niedergeschlagen und bei der Tötung der Rebellen nur von ihrem völkerrechtlich garantierten Selbstverteidigungsrecht Gebrauch gemacht. Unschuldige wären nicht zu Schaden gekommen. In anderen Fällen kam die Staatsanwaltschaft trotz der möglichen Wahrheit der Thesen zu einer Einstellung des Verfahrens wegen Verjährung.70 Um die Einstellung wegen Verjährung zu umgehen, stellte man im Verfahren „Zini Gedigi“ nur noch die Forderung auf Untersuchung des Tatortes.71 Die Staatsanwaltschaft stellte auch dieses Verfahren wegen fehlenden öffentlichen Interesses ein, obwohl Fotos von Menschenknochen am Tatort der Akte beilagen.

Auch die Zeugenaussagen wurden von der Staatsanwaltschaft angezweifelt, obwohl im Verfahren „Karadag“ und „Efe Bozkurt“ die beiden Verfahrensführer direkte Überlebende und Opfer der staatlichen Handlungen waren. Im Verfahren „Aygün“, der nicht selbst zur 38er Generation gehört, konnte der Verfahrensführer, mittels Dokumenten vom Gouverneur von Tunceli aus dem Jahr 1955, die Tötung seiner Familienmitglieder durch Soldaten im Jahre 1938 beweisen, scheiterte aber dennoch an der Staatsanwaltschaft. In allen Verfahren wurde das Recht der Verfahrensführer auf rechtliches Gehör verletzt. Auch das Recht auf Totenruhe und das Recht auf religiöse Bestattung der Opfer wurde nicht beachtet. Dies alles lässt erkennen, dass der Staat kein politisches Interesse an einer ernsthaften Untersuchung der Vorkommnisse hat. Weiter stellen sich die Verfahrenseinstellungen als unhaltbar dar.

Die Verjährungseinstellung kann aber durch eine gesetzliche Regelung unterbunden werden. Die Verbrechen von Dersim 1938 müssten als Völkermord oder Genozid anerkannt werden.

Nach Art. II der Völkermordkonvention der UN von 194872, die die Türkei ratifiziert hat,

„(…) bedeutet Völkermord eine der folgenden Handlungen, die in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören:
- Tötung von Mitgliedern der Gruppe,
- Verursachung von schwerem körperlichem oder seelischem Schaden an Mitgliedern der Gruppe,
- vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen für die Gruppe, die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen,
- Verhängung von Maßnahmen, die auf die Geburtenverhinderung innerhalb der Gruppe gerichtet sind,
- gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.“

Die Bevölkerung von Dersim und deren Organisationen bezeichnen die Geschehnisse von 1937/38 unstreitig als Völkermord. In der Hauptsprache von Dersim, in der Iranistik „Zazaki“ innerhalb Dersims meistens aber „Kirmancki“ genannt, wird der Begriff „Tertele“ verwendet. Dieses Wort bedeutet „mitsamt der Wurzel entfernen“ und „verwüsten“ und geht zurück auf den Völkermord an den Armeniern im Jahre 1915. Die Menschen in Dersim reden von „tertele viren (erstes)“, wenn sie 1915 meinen und von „tertele peen (zweites)“, wenn sie die Massaker von 1937/38 beschreiben. Die Bevölkerung sieht den Genozid von 1937/38 ganz offensichtlich als dasselbe an, was den Armeniern angetan wurde und verwendet daher denselben Begriff. Alleine die ca. offiziell 14.000 Getöteten (inoffiziell mehr als dreimal so viel) und die mindestens 14.000 Deportierten sowie der entstandene seelische Schaden sprechen aber auch für die rechtliche Einstufung als Völkermord (Genozid) an den dortigen Aleviten.

Die FDG und die Menschen von Dersim wollen die Diskussion aber nicht auf die Genozidfrage verengen. Einerseits ist der Genozid-/Völkermordbegriff erst nach dem 2. Weltkrieg entwickelt worden. Aufgrund des Rückwirkungsverbotes kann der Genozid von 1937/1938 nicht nach der Völkermord-Konvention von 1948 behandelt werden. Es ist aber durch nationale Gesetze möglich die Geschehnisse von 1937/38 als Genozid anzuerkennen. Im Falle des Genozids an den Armeniern haben 91 Parlamente ein Gesetz zur Anerkennung des Völkermords an den Armeniern bereits erlassen. Die nationale Anerkennung des Völkermordes in Dersim würde zwar die Verjährungseinstellung überwinden und den Verfahren neuen Schwung geben. Die Durchsetzung der Anerkennung als Völkermord hat andererseits aufgrund der bisherigen Staatspraxis der Türkei wenig Aussicht auf Erfolg. Zudem brächte die Kanalisierung auf dieses eine Ziel nur eine langwierige komplett einseitige und emotional geführte Diskussion mit sich, wie die Diskussionen um den Armeniergenozid in der Türkei zeigen. Die Folge der damals staatlich eingeleiteten Hetzkampagne gegen die Armenier war der Mord an dem Journalisten und Menschenrechtsaktivisten Hrant Dink am 19.01.2007.

Die Herstellung der Würde der Menschen von Dersim, die heute noch aufgrund ihrer Herkunft und Vergangenheit von Behörden und türkisch-nationalistischen Kreisen diskriminiert werden, verdient aber die höchste Priorität. Weiter ist die Wiederherstellung der kulturellen Identität Dersims ein Hauptanliegen der Menschen. Nach 1935 wurde der Name Dersims in Tunceli geändert, die Sprache verboten und die kulturell-religiöse Gesellschaftsstruktur zerstört. Die Menschen wurden teilweise in türkische Dörfer deportiert und unterliegen immer noch einer staatlichen Türkisierungs- und Sunnitisierungspolitik. Noch heute ist das alevitische Ocak-System irreparabel gestört und die alevitischen Glaubenshäuser sind nicht legalisiert. Während der bewaffneten Auseinandersetzungen in den Neunzigern verließen aufgrund der Repressalien der türkischen Armee ca. 40.000 Menschen die Provinz. Heute leben nur noch 79.000 Menschen in der Provinz Dersim/Tunceli. Zudem wird die Region von einem Energieprojekt bedroht, das alle Flüsse Dersims mit Staudämmern und Kraftwerken zu überziehen gedenkt. Ist das ökologische Gefüge Dersims einmal zerstört und alle religiösen Orte Unterwasser gesetzt, werden auch die übrigen Bewohner Dersims keine Überlebensmöglichkeiten mehr haben und auswandern.
 
Die Entschuldigung des Premierministers Erdogans ist daher entscheidend. Aufgrund der von ihm selbst vorgetragenen Beweise und der Bezeichnung der Ereignisse von 1937/38 als Massaker müssten die Gerichte und Staatsanwaltschaften die Verfahren um Dersim 1937/1938 neu aufrollen. Erdogan selbst hat die Aufstandsthese als Lüge bezeichnet und von der langen Vorbereitung der Offensive gesprochen.73 Der Staat selbst hat sich daher in die Situation manövriert, die Ungerechtigkeiten die Dersim widerfuhren, endlich auszugleichen.

Die FDG hat dem Vize-Premierminister, Bülent Arinc, am 02.12.2011 daher im Anschluss an diese Entschuldigung einen Forderungskatalog übergeben.

1. Danach soll der 4. Mai zum offiziellen Trauertag erklärt und die Archive, vor allem das der Militärführung, geöffnet werden.

2. Die genauen Orte der Gräber der unrechtmäßig Erhängten vom 15.11.1937 sollen den betroffenen Familien endlich mitgeteilt werden.

3. Das Schicksal der verschollenen Kinder von Dersim soll offenbart und deren Namensliste ausgehändigt werden.

4. Die Identität der Toten in den Massengräbern z.B. im Verfahren von Zini Gedigi, soll anhand von DNA-Untersuchungen geklärt und deren menschenwürdige Bestattung gewährleistet werden.

5. Eine Kommission zur Erforschung der Wahrheit zu Dersim 1937/38 soll eingesetzt und der Name der Provinz Tunceli wieder in Dersim geändert werden.

6. Die Provinz Dersim soll auch wieder in ihren historischen Grenzen neu strukturiert werden.

7. Zuletzt soll dem Volk von Dersim eine sichere Existenz unter Auslebung ihrer Sprache, Kultur und ihres Glaubens in ihrem Grund und Boden garantiert sowie alle bis heute erlittenen Schäden wieder gut gemacht werden.74

3.    Aufarbeitung der Vergangenheit
In wie weit diese Forderungen verwirklicht werden können, hängt von der Ehrlichkeit der Entschuldigung des Premierministers ab, an der starke Zweifel bestehen. Auch wenn die Entschuldigung nicht in der Manier abgegeben wurde, wie sie in der europäischen Erinnerungskultur, besonders in Deutschland nach 1945, herrscht, hat die türkische Gesellschaft und das Staatswesen dennoch zum ersten Mal in ihrer Geschichte die Entschuldigung eines Premierministers für Staatsverbrechen miterlebt. Eine Anerkennung der Kollektivschuld der gesamten politischen Elite der Republik, nicht alleine der CHP, und eine Aufarbeitungs- bzw. Wiedergutmachungspolitik hat sich diesem Tabubruch anzuschließen. Das Geschehene erzeugt Hoffnung, da ein konservativer Präsident diesen Schritt getan hat. In einer mehrheitlich konservativen Gesellschaft kann aber auch nur ein konservativer Präsident Veränderungen erzeugen. Für eine Vergangenheitsbewältigung sollte die Türkei eigentlich auch bereit sein. Eine Vergangenheitsbewältigung braucht nämlich drei Voraussetzungen: Ein Verbrechen, dessen Beendigung und eine Demokratisierung. Der Völkermord von Dersim 1937/38 erfüllt diese Kriterien. Die Türkei durchläuft diesen Demokratisierungsprozess aber gerade und tut sich in vielerlei Hinsicht schwer. Die zaghaften Versuche einer Aufarbeitung werden durch das widersprüchliche Verhalten der AKP selbst konterkariert.

Gesetzesinitiativen nach 2009 hat die Regierungspartei nicht unterstützt, besser gesagt abgelehnt. Des Weiteren gefährden die durch die Regierung eingeleiteten Staudammprojekte das kulturell-religiöse Erbe Dersims in hohem Maße, da viele alevitische Glaubensstätten unter Wasser gesetzt werden. Auch die Tatorte des Völkermords würden für immer verschwinden. Die AKP-Regierung führt dieses Projekt trotz aller Proteste und entgegenstehender Verwaltungsgerichtsurteile aber weiter. Und das obwohl das Gebiet seit 1973 ein Nationalpark ist. Zudem ist der alevitische Glaube immer noch quasi verboten und den Cem-Häusern fehlt die rechtliche Grundlage. Die AKP-Regierung weigert sich die etwa zwanzig Millionen Aleviten als Religionsgemeinschaft anzuerkennen und führt den Bau von Moscheen in alevitischen Dörfern konsequent fort. Alevitische Kinder werden trotz entgegenstehendem Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte in Straßburg, dazu gezwungen den schulischen Religionsunterricht zu besuchen.

Premierminister Erdogan hat aber durch seine halbherzige Entschuldigung den Stein ins Rollen gebracht und die Diskussion um den Völkermord von Dersim 1937/38 wiederbelebt. Falls die Regierung es schafft diese Angelegenheit aufzuarbeiten, kann sie sich an den Völkermord an den Armeniern wagen, dessen 100. Jahrestag im Jahre 2015 ansteht. Daneben bleibt die Kurdenfrage, die Pogrome an den Christen 1955 und den Aleviten in den siebziger und neunziger Jahren, die politischen Attentate an Tausenden Linken und Kurden nach 1990, die Zerstörung von Hunderten Dörfern in Ostanatolien 1994 sowie der Mord an dem armenischen Journalisten Hrant Dink. Kurz gesagt, die Zu-Ende-Führung der Demokratisierung der Türkei. Erdogan hat sich eine sehr ehrgeizige Aufgabe gestellt, er will im Jahre 2023, zum 100. Jahrestag der Republikgründung, mit seiner AKP immer noch das Land regieren und es bis dahin von seinen Altlasten befreit haben. Falls die Regierung dies ernst meint, sollte sie endlich durch das Tor voranschreiten, dass sie absichtlich oder versehentlich geöffnet hat und sich Dersim endlich mit aller Seriosität widmen.

Çağan Varol                                Köln, den 12.01.2012

Was bedeutet Tertele?

Die noch lebenden Überlebenden der Massaker in Dersim bezeichnen die Vorkommnisse von 1938 mit ‚Tertele’, den Tag, an dem die Welt unterging. Das Wort ‚Tertele’ ist mittlerweile in der Gesellschaft Dersims Teil des generationsübergreifenden Gedächtnisses geworden, das mittlerweile im Zusammenhang mit dem Genozid in Dersim gebräuchlich ist.