Was ist Oral History? (von Prof. Dr. Leyla Neyzi)

Prof. Dr. Leyla Neyzi
Sabancı Universität
Hochschullehrerin der Fakultät für Kunst und Sozialwissenschaften

Seit Hunderten von Jahren lernen die Menschen durch mündliche, traditionelle Erzählungen über die Vergangenheit  und überliefern sie so. Im historischen Prozess, auch wenn man in­zwischen von der mündlichen zur schriftlichen Überlieferung übergegangen ist, laufen diese trotz der Entwicklung neuer Kommunikationstechnologien heute noch parallel. Wie kann man die Oral History, die ein neues interdisziplinäres akademisches Gebiet und eine neue Forschungs­methode darstellt, definieren?
Oral History besteht aus mündlichen Überlieferungen aus der Vergangenheit, und zwar aus den im Dialog zwischen dem erzählenden Subjekt und dem Historiker aufgezeichneten Erinnerungen. Oral History fördert Ereignisse und Erlebnisse zu­tage, die in den meisten Fällen von der Geschichtsschreibung nicht aufgezeichnet wurden – oder aber anders aufgezeichnet wurden – und legt den Schwerpunkt auf die individuelle Er­fahrung des Subjekts, welches den geschichtlichen Ablauf anders erinnert als die Geschichts­schreibung und welches die Überbleibsel der Geschichte in seinem Körper trägt. In diesem Zusammenhang fällt es in den Verantwortungsbereich der Oral History, die Aufzeichnungen und Archivierung der Erinnerungen von Zeugen wichtiger Ereignisse in der jüngeren Ge­schichte, insbesondere der Älteren unter ihnen, vorzunehmen.
Oral History beschäftigt sich ebenso mit den Ereignissen der jüngeren Geschichte wie damit, den früheren Ereignissen und Individuen für unsere Zeit Bedeutung beizumessen. Oral History profitiert bei der Erzeugung eigener Materialien vom Gedächtnis der Individuen. Auch wenn es bei einem Oral History-Interview um die Vergangenheit geht, trägt es sowohl die Spuren der Vergangenheit als auch aktuelle Spuren, da es in unseren Tagen durchgeführt worden ist. So betrachtet betrifft Oral History ebenso unsere Gegenwart wie die Ge­schichte. Oral History hat sich parallel zur nationalen Geschichtsschreibung entwickelt und ist, beeinflusst von der klassischen Geschichtswissenschaft, von Marxismus und Feminismus, Postmoderne und den Demokratisierungserfahrungen nach dem Zweiten Weltkrieg, infolge von Hinterfragung entstanden. Die Geschichtswissenschaft, die sich gestützt auf schriftliche Dokumente von Staaten und Eliten entwickelte, hat insbesondere nach den 60er Jahren einfa­che Menschen, Migranten, Frauen, die Arbeiterklasse und ethnische und religiöse Minderhei­ten, die zuvor nicht Gegenstand der Geschichtsschreibung waren und zumeist keine schriftli­chen Dokumente hinterlassen haben,  als historisches Subjekt für sich entdeckt. Um deren Geschichte schreiben zu können, hat die Oral History die erlebten Erfahrungen angehört und mittels der vor allem seit den 60er Jahren verbreiteten Tonaufzeichnungsgeräte aufgezeichnet und archiviert und sich so entwickelt. Oral History hat die Betrachtungsweise der Gesellschaft hinsichtlich der Vergangenheit verändert. Sie hat der Erkenntnis zur Durchsetzung verholfen, dass auch einfache Menschen durch ihr Alltagsleben Geschichte schreiben. Aus dieser Sicht betrachtet stellt die Oral History nicht nur ein akademisches Forschungsgebiet dar, sondern ist auch ein Weg zur gesellschaftlichen Veränderung geworden.
Durch die Oral History wurden sowohl von der Geschichtsschreibung der Nationalstaaten unter den Teppich gekehrte Ereignisse zutage gefördert als auch durch die Aufzeich­nung verschiedener Erfahrungen und Kommentare von einfachen Menschen zu bekannten historischen Ereignisse diesen neue Bedeutung beigemessen, ihre Interpretation geändert und somit die klassische Geschichtsschreibung in Frage gestellt. Um die Gegenwart begreifen zu können, ist es erforderlich, die Geschichte zu verstehen. Es verwundert nicht, dass die Oral History erst in den letzten Jahren begonnen hat, sich in der Türkei zu entwickeln. Denn die türkische Gesellschaft hat einen ernsthaften Bruch zu ihrer Vergangenheit erlebt. Es hat sich eine Kluft zwischen den Lebenserfahrungen und Erinnerungen der Individuen und dem, was ihnen als Geschichte gelehrt wurde, aufgetan. Die Unterschiede zwischen den privaten und den öffentlichen Bereichen wurden unter dem Einfluss der weitverbreiteten Angst übertüncht und zur Normalität erklärt. Das in der Vergangenheit Erlebte wurde den neuen Generationen nicht überliefert oder falls doch, so wurde darauf geachtet, dass die Überlieferung im privaten Bereich verblieb. Genau diese Situation hat jedoch in den letzten Jahren begonnen, sich zu ändern. Die Fortentwicklung der Zivilgesellschaft und die Suche nach der individuellen Identität und der historischen Wahrheit führten zu wachsendem Interesse an der Vergangenheit, und somit wurde die herkömmliche Überlieferung in Frage gestellt. Die Arbeit der Oral History spielt in Bezug auf diese Veränderungen eine wichtige Rolle.

Die Aufzeichnung der Ereignisse von Dersim 1937-38 als einem der wichtigsten traumati­schen Ereignisse in der Türkei durch die Oral History ist ein verspätetes Projekt, welches die Dersimer unverzüglich in die Hand nehmen sollten. Im Rahmen dieses Projektes müssen die Erinnerungen und Lebensgeschichten der noch lebenden Zeugen von 1937-38 rasch und mit Hilfe moderner Oral History-Befragungsmethoden mittels Video- und Audio-Aufnahmen archi­viert, diese Archive müssen den Dersimern und der internationalen Forschung zur Nutzung zur Verfügung gestellt und die Geschichte von 1937-38 muss sowohl auf mündliche als auch auf schriftliche Quellen gestützt neu geschrieben werden. Außerdem müssen mit den Dersimern der zweiten und dritten Generation Oral History-Interviews geführt wer­den, um zu erforschen, welchen Einfluss diese traumatischen Ereignisse auf das Bewusstsein und die Identität der Dersimer gehabt haben. Es muss über die Bindungen der Dersimer Bevölkerung an die Vergangenheit und über ihre aktuellen Ansichten zu Identität und Subjekti­vität diskutiert werden.
Das Oral History-Projekt Dersim 1937-38 wird eine in der Türkei vernachlässigte und totge­schwiegene traumatische Geschichte sowohl der türkischen Gesellschaft als auch der interna­tionalen Öffentlichkeit bekannt machen. Es wird auch einen Beitrag zur Wissenschaft leisten und mithelfen, die Geschichte der Wahrnehmung der Gesellschaft in der Türkei zu ändern und die Entwicklung des Verantwortungsbewusstseins zu fördern. Gleichzeitig wird es dazu beitragen, dass Dersimer aus verschiedenen Generationen sich durch ihre Beteiligung am Pro­jekt an die Vergangenheit erinnern oder davon erfahren und ihren Beziehungen zu ihrer Ver­gangenheit und somit ihrer aktuellen Identität einen anderen Stellenwert beimessen.

Was bedeutet Tertele?

Die noch lebenden Überlebenden der Massaker in Dersim bezeichnen die Vorkommnisse von 1938 mit ‚Tertele’, den Tag, an dem die Welt unterging. Das Wort ‚Tertele’ ist mittlerweile in der Gesellschaft Dersims Teil des generationsübergreifenden Gedächtnisses geworden, das mittlerweile im Zusammenhang mit dem Genozid in Dersim gebräuchlich ist.