Dersim und die Dersimer (Föderation der Dersim Gemeinden in Europa)

(Die Geographie, Kultur  und Geschichte von Dersim)

Die historische Region Dersim erstreckt sich im mittleren Osten der heutigen Türkei, im Norden, von Erzingan ( Erzincan ) bis  im Osten Erzurum, im Süden  Gımgım (Varto), Malatya, und im Westen Kocgiri/ Sewas ( Sivas). Die Natur der Region ist geprägt mit Bergen und Flüssen ( Munzur, Harçig, Fırat, Murat,  Kızılırmak), Hochland und Ebenen, mit einzig artigem Flora und Fauna und sie ist das Lebensraum für unzählige seltene Tierarten.

Bei der Bezeichnung Dersim handelt es sich um eine sehr alte ethnische und geographische Bezeichnung. Zum ersten Mal wird der Name Dersim in dem Werk „Anabasis“ von Xenonphon im Jahre 401/402 v. Chr., der mit seinen griechischen Soldaten  von Babylon nach Trabezunt ( das heutige Trabzon )am Schwarzen Meer zog, genannt. Dersims weite Grenzen sind im Laufe der Geschichte geschrumpft. 1935 wurde das Zentrum der Region Dersim ( Mamekiye) von ihren türkischen Besatzern in Tunceli umbenannt.

 


(Das Munzur-Tal und Nationalpark Munzur.)

 

Die Geschichte von Dersim ist geprägt durch Auseinandersetzungen mit den Besatzern von vor-osmanischer Zeit bis zur Gegenwart für kultureller und religiöser Eigenständigkeit zur Bewahrung eigener Identität und Kultur.

In der historischen Region Dersim lebten  mehrere Ethnien  miteinander  ( Dersimer (Kırmancen, Kırdaschen), Kurden, Armenier, Zazas). Wegen seiner geographisch günstigen Lage wurde Dersim in der Geschichte zum Zufluchtsheimat für bedrohte Völker und Ethnien.   Beim Massaker an Armeniern im Jahre 1915 haben viele Dersimer ihr Leben verloren. Der Koçgiri-Aufstand im Jahr  1920 beeinflusste  die Dersimer unmittelbar. Das Dersim-Massaker von 1937/1938, bei dem nach  Quellen der Dersimer etwa  40 – 60  Tausend Dersimer ihr Leben verloren haben und nach Quellen des Stadtgoverment 12500 Menschen verschwanden,   hinterließ bei den Dersimern unvergessliche Spuren bis auf die Gegenwart. Die Überlebenden des Massakers sind in die westliche Türkei, jeweils einzelne Familien in ein türkisches Dorf  zwangsumgesiedelt. Sie durften ihre Verwandte nicht besuchen. Vom 1938-1946 wurde größter Teil von Dersim als Sperrgebiet zur Reise und Siedlung verboten. Viele Weisekinder wurden aus ihren Familien und Verwandtschaft  entwurzelt und türkischen Familien zur Adoption gegeben. Nach Angaben des Dokumentautors des Massakers N. Dersimi betrug die Zahl der Bevölkerung von Dersim bei der Volkszählung im Jahr 1927  250 Tausend Einwohner, nach staatlichen Quellen  lebten in Dersim damals 130- 170 Tausend Einwohner.

 


(Die Provinzstadt Tunceli in Zentrum von Dersim.)

 

Gegenwärtig wird das Bestehen von Dersim und Dersimern durch militärische Auseinandersetzungen, durch Bau von Staudämmen, durch Goldabbauprojekten mit naturschädigenden Methoden und infolge all dessen durch Auswanderung der einheimischen Bevölkerung bedroht.

Nach Informationen der türkischen Presse vom 19 Juli 2005  ist die Einwohnerzahl von Dersim in den letzten fünf Jahren um 15,4 %,  vom 93. 584 auf 79.176 zurückgegangen. Damit steht Dersim (Tunceli) in der Liste der Städten  mit dem prozentual höchsten  Bevölkerungsverlust in letzten fünf Jahren auf der Spitze und Dersim ist mittlere weile die Stadt mit der niedrigsten Einwohnerzahl in der Türkei.

Von rund 400 Dörfern in Dersim sind in den letzten 15 Jahren 235 geräumt und zerstört.

Einerseits durch den Schatten der Waffengewalt, der Militäroperationen,  andererseits durch Bau von Staudämmen, Waldbrände bei Operationen des  Militärs, Zerstörung der Natur und Kultur, Räumung der Dörfer, in Folge dessen Auswanderungen, parallel dazu Rückgang der Wirtschaft, verliert Dersim allmählich die Kraft, als Lebensraum zu existieren.

 

Sprache, Religion,  Kultur und Identität  der Dersimer

In Dersim  werden gegenwärtig mehrere Sprachen gesprochen. Die Sprachen der einheimischen Dersimer  sind Kırmancki (wird von der Mehrheit der Einheimischen gesprochen und ist wegen Verbot als Bildungssprache vom Aussterben bedroht, ist  international als Zaza-Sprache bekannt),  und  Kırdaşki/ ( international als Kurdisch bekannt).

Die Dersimer haben eine vielfältige humanistische Glaubenskultur, die durch Inhalte  aus ihrer alten Ritualen und Gebräuchen (Glaube an die Natur und Mensch), aus Kizilbas-Alevitentum geprägt ist und das Hauptbindeglied der eigenständigen Identität der Dersimer ausmacht. Die zentralen Werte dieser Glaubenskultur basieren auf das Glauben an die Natur, an den Menschen und auf das gerechte soziale Zusammenleben von Mensch und Natur,  Frau und Mann und der Völker. Gerade durch diese  historische Entwicklung der  eigenständig vielfältigen  Glaubenskultur hat Dersim trotz Mehrsprachigkeit und  Ethnienvielfalt eine eigenständige Identität erlangt. Diese Identität wird bis  Gegenwart in den historischen Grenzen der Region Dersim aufbewahrt und verpflegt. Die Dersimer wurden wegen ihres Glaubens vom Osmanischen Reich und vom türkischen Staat mit unzähligen Massakern bestraft. Das letzte Dersim-Massaker fand in den Jahren 1937/38 statt.

Durch gezielte Politik des Staates werden auch gegenwärtig die Kultur, das Glauben und die Identität von Dersimern ignoriert und bedroht. Glaubensritualhäuser der Dersimer „ Cemevleri“ werden vom Staat nicht als solche anerkannt, stattdessen baute der Staat trotz der Ablehnung der Bevölkerung Moscheen in der Region.

Vor sechs Jahren wurde in Dersim das Munzur Festival gegen die Bau von Staudämmen  ausgerufen, um die Natur und Kultur von Dersim zu schützen und wieder zu beleben. Und das Festival wurde allmählich die Stimme der Dersimer, deren sozialen und kulturellen  Erwartungen, die Stimme der Natur von Dersim. Mit bis zu  50 Tausend Besuchern jährlich aus dem In-,  und Ausland in den letzten Jahren förderte das Festival die Wirtschaft und das Leben in  Dersim. Das Festival wurde im letzten Jahr 3 Tage vor Beginn „ aus Sicherheitsgründen“ durch den Stadtgoveneur 45 Tage verlegt und damit praktisch verboten.

Obwohl das Munzur-Tal im Jahr 1971 als Nationalpark zum Naturschutzgebiet deklariert wurde, werden auf dem Munzur Fluss mehrere Staudämme geplant und gebaut.  Dadurch wird Dersim praktisch entvölkert und die einzigartige Natur von Munzur-Tal zerstört.

 

Dersimer in Europa

Mit Zuwanderung von Gastarbeitern aus der Türkei in die europäische Länder Anfang 60`er Jahre sind auch viele Dersimer nach Europa gekommen. Sie leben  hauptsächlich in Deutschland und in den Ländern Holland, Frankreich, Österreich, Schweiz, Belgien, Dänemark, Schweden und  Groß Britannien. Gegenwärtig wird die Zahl der Dersimstämmigen in Europa auf 200-300 tausend geschätzt.

In Europa haben die Dersimer sich einerseits an die Gesellschaft integriert, andererseits haben sie versucht, ihre Identität zu pflegen und sich mit den Menschen in ihrer Heimat zu solidarisieren.


(Kindertheater bei Munzur-Rhein Main Kulturfestival 2006)

Die Region Dersim wurde besonders in den 80`er und 90`er Jahren Zielscheibe der militärische Operationen. Dies führte  zu  Zerstörung von Dörfern und Auswanderung der Bevölkerung aus der Region. Um sich mit Dersimern in der Heimat zu solidarisieren haben die Dersimer in Europa mehrere Initiative und Vereine gegründet. Diese Vereine haben einerseits die Solidaritätsarbeit mit Dersim aufgenommen andererseits mit kulturellen Aktionen ihre Kultur und Identität in den europäischen Ländern gepflegt und aufbewahrt.

Gegenwärtig haben sich insgesamt 15 Vereine in Deutschland und in einigen anderen europäischen Ländern zusammengefügt, um die Föderation von Dersim-Gemeinden in Europa zu gründen. Das Ziel dieser Föderation ist die kulturelle Aktivitäten dieser Vereine, die Integration der Dersimer in Europa zu fördern  und die Solidaritätsarbeit mit Dersim zu koordinieren. Die Natur, die Kultur und die  Identität von Dersim und Dersimern zu pflegen und aufzubewahren.

Die Dersimer wünschen ein friedliches Miteinanderleben  in Europa und in ihrer Heimat auf der Grundlage der Menschenrechte und Demokratie. Sie wollen mit ihrer eigenständigen Identität in der Vielfalt der Kulturen existieren.

Föderation der Dersim Gemeinden in Europa

Bobstr. 6-8
50676 Köln
Tel.: (0221) 240 61 89
Mobil : 01632652785
E-Mail:
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Was bedeutet Tertele?

Die noch lebenden Überlebenden der Massaker in Dersim bezeichnen die Vorkommnisse von 1938 mit ‚Tertele’, den Tag, an dem die Welt unterging. Das Wort ‚Tertele’ ist mittlerweile in der Gesellschaft Dersims Teil des generationsübergreifenden Gedächtnisses geworden, das mittlerweile im Zusammenhang mit dem Genozid in Dersim gebräuchlich ist.