Heilige Erde unter Druck

Im Jahr 1938 sind sehr schlimme Dinge geschehen. Und wir, die Überbleibsel von Zehntau­senden Ermordeter und Eingekerkerter, wurden in die westlichen Provinzen deportiert. Ich bin das Kind eines Deportierten. Ende 1947 sind wir infolge einer Amnestie zu unserer heiligen Erde, nach Dersim, zurückgekehrt. Unsere Bauern besuchten in freudigem Wiederse­hen die heiligen Orte, sie verteilten Krapfen und schlachteten Opfertiere.
Aber die ausgeübte Unterdrückung, die Greueltaten und Vertreibung fanden kein Ende.
Sie haben unsere heiligen Orte in einen solchen Zustand versetzt, dass es unmöglich ist, dort zu leben, weswegen heute etliche hunderttausende Dersimer in der Fremde leben. Bei der Deportation von 1938 wurden wir, die Dersimer, auf die Provinzen des Westens ab Kayseri verteilt, deren Sprache, Sitten und Gebräuche wir nicht kannten. Wir wurden über die ganze Welt zerstreut; deswegen sollten wenigstens unsere Erinnerungen, unsere Bilder, unsere Erlebnisse gesammelt werden. Ich gratuliere unseren jungen Leuten herzlich und küsse ihre reine Stir­nen, weil sie versuchen, unsere Erlebnisse, unsere Lieder, unsere Klagen zu sammeln.

Ich unterstütze die Arbeit des Oral History-Projektes Dersim 1937-38 von ganzem Herzen. Ich beziehe eine Rente. Ich erkläre hiermit, dass ich einen Teil davon für dieses sinnvolle Pro­jekt spenden werde.

Hüseyin Kaya
Ehrenvorsitzender der FDG (Föderation der Dersim Gemeinden in Europa), Zeuge von ’38

Was bedeutet Tertele?

Die noch lebenden Überlebenden der Massaker in Dersim bezeichnen die Vorkommnisse von 1938 mit ‚Tertele’, den Tag, an dem die Welt unterging. Das Wort ‚Tertele’ ist mittlerweile in der Gesellschaft Dersims Teil des generationsübergreifenden Gedächtnisses geworden, das mittlerweile im Zusammenhang mit dem Genozid in Dersim gebräuchlich ist.