Türkischer Premierminister entschuldigt sich

Unser Interesse am Massaker von Dersim  rührt nicht aus einer politischen Polemik, die etwa mit der gegenwärtigen Tagespolitik zu tun hätte; es ist – und dies betone ich ausdrücklich - in keinerlei  Art und Weise ein Interesse, das darauf abzielt, Dersim zum Vehikel für die aktuelle Politik zu machen.

Die erste Auflage des Buches von Necip Fazıl Kısakürek mit dem Titel Die Glaubensunterdrückten der jüngsten Zeit erschien 1969. Dieses Buch ist gleichsam eine Tür, die einem den Zugang zu den Vorfällen der jüngsten Vergangenheit und ihren finsteren Seiten eröffnet. Dieses Buch war zeitweise immer wieder verboten. Fernhalten von Zugriff der Jugend wollte man es seitens der versammelten CHP-Regierungen, und zwar aller CHP-Regierungen ohne Ausnahme! Über dieses Buch haben wir erstmals Zugang zu den Vorfällen von Dersim erhalten. Die Vorfälle von Dersim, die bis dahin  totgeschwiegen wurden, wurden in diesem Werk ungeschönt so dargestellt, wie sie sich wirklich zugetragen haben. Necip Fazıl führt uns Dersim und seine Einwohner als wegen ihres Glaubens Verfolgte vor Augen; er schildert sie ausschließlich in menschlicher Hinsicht und übermittelt uns so eine humanitäre Tragödie.

...

Man versucht, die gegen Dersim vorgenommenen  Operationen zu legitimieren, indem man sie  als Niederschlagung eines Aufstandes darstellt. Indessen redet niemand von Diyap Ağa, der von Atatürk persönlich als Volksvertreter von Dersim ins erste Türkische Parlament berufen wurde. Niemand redet davon, dass Seyit Rıza vom Gouverneur dafür ausgezeichnet wurde, dass er während der Vorfälle von 1915 gegen die Armeen der Besatzer und für Glauben und Ehre kämpfte. In Dersim gibt es eine  militärische Operation, deren Umfang und Rahmen man vorher sorgfältig Schritt für Schritt geplant und abgesteckt hatte und für die man konstruierte Vorwände anführte. Dieser Bericht ist ein Bericht, von dem nur 100 Exemplare gedruckt wurden, die wiederum heimlich und nur persönlich von Hand zu Hand an bestimmte Orte geschickt wurden.

...

Ich führe einige Sätze aus diesem Bericht an. In ihm wird wiederum auf den Bericht des Verwaltungsinspektors Hamdi Bey im Jahr 1926 verwiesen, demzufolge die Regierung von Dersim in den Augen der Türkischen Republik eine Eiterbeule sei. Bezüglich dieser Eiterbeule eine tiefe, radikale Operation durchzuführen und so die Wahrscheinlichkeit der Rettung herbeizuführen, stelle im Namen des Vaterlandes eine unbedingte heilige Pflicht dar. Dersim sei für die Türkei eine gefährliche Eiterbeule, verunreinigt und infiziert mit Ignoranz, materiellem Mangel, internen und externen Täuschungsversuchen und Tendenzen und Neigungen zum Kurdentum. Es sei nötig,  Dersim einer durchgreifenden Operation zu unterziehen. Dafür müsse man zuerst zu den Waffen greifen und im Anschluss daran Reformen durchführen. Dieser Bericht verweist zunächst auf frühere Berichte und bringt danach eigene Lösungsvorschläge vor. Er erklärt die Details der militärischen Operationen, die in Bezug auf Dersim durchgeführt werden sollen und listet die Volksgruppen und Stämme auf, die umgesiedelt werden sollen. Im Jahr 1935 wird dann ein Gesetz verabschiedet. Sein Name ist Gesetz über die Verwaltung der Provinz Tunceli. Es umfasst damals nicht nur Tunceli, sondern auch weitere angrenzende heutige Nachbarprovinzen. Nach Paragraph 1 dieses Gesetzes wird für die Provinz Tunceli eine Person im Rang eines kommandierenden Generals als Gouverneur und Kommandant gewählt. Des weiteren werden diesem Gouverneur und Kommandanten im Gesetz sehr interessante Rechte zuerkannt. Zum Beispiel kann er – falls es als nötig erachtet wird - Familien von einem Ort an einen anderen Ort umsiedeln lassen. Zum Beispiel  können Todesurteile unmittelbar vollstreckt werden. Zum Beispiel wird keine Notwendigkeit der Revisionsmöglichkeit  gegen Urteile, die von Strafgerichten verhängt wurden, vorgesehen. Im Anschluss an dieses Gesetz werden dann die Vorbereitungen für die nachfolgenden Operationen  getroffen. In den Jahren 1937, 1938 und 1939 spielt sich in Dersim dann tragischerweise ein großes Drama ab: Aus der Luft und vom Boden aus mit Kanonen wird alles, was sich in Dersim bewegt, abgeschlachtet..

-Dokument 1-

Im Jahr 1935 wird dann ein Gesetz verabschiedet. Der Name des Gesetzes: Gesetz über die Verwaltung der Provinz Tunceli. Im ersten Paragraphen des Gesetzes wird folgendes festgelegt:
Paragraph 1:  Für die Provinz Tunceli wird eine Person im Rang eines kommandierenden Generals als Gouverneur und Kommandant gewählt, wobei dessen Verbindung mit dem Militär bestehen bleibt und er die Befugnisse seines Ranges behält . Des weiteren werden diesem Gouverneur und Kommandanten im Gesetz sehr interessante Rechte zuerkannt. Zum Beispiel kann der Gouverneur und Kommandant - falls er es als nötig erachtet -  Familien von  einem Ort an einen anderen Ort umsiedeln lassen. Zum Beispiel  können - falls von Seiten des Gouverneurs und Kommandanten keine Notwendigkeit zum Aufschub gesehen wird -  Todesurteile unmittelbar vollstreckt werden. Zum Beispiel wird es keine Notwendigkeit der Revisionsmöglichkeit gegen Urteile vorgesehen, die von Strafgerichten verhängt wurden. Im Anschluss an dieses Gesetz werden dann  die Vorbereitungen für die nachfolgenden Operationen getroffen. In den Jahren 1937, 1938 und 1939 spielt  sich in Dersim dann tragischerweise ein großes Drama ab. Aus der Luft, vom Boden, mit Kanonen, darüber hinaus sogar mit Gasbomben, wird in Dersim alles, was sich bewegt,  seien es Kinder, seien es Frauen, abgeschlachtet.

Muhsin Batur, der während der Vorfälle von Dersim dort Soldat war, gibt dies in seinen Erinnerungen wörtlich folgendermaßen wieder:

„Eines Tages kam der Einsatzbefehl. Per Zug gelangten wir nach Elazığ. Von dort wiederum kamen wir über Pertek als erster Station zum Einsatz. Ich war annähernd zwei Monate lang in Dersim im Einsatz. Ich entschuldige mich bei meinen Lesern und scheue mich, diesen Teil meiner Erlebnisse zu schildern. Mein Kamerad Necip Fazıl erklärt, dass die Tragödie von Dersim in der Geschichte nicht ihresgleichen hat. Zwei unschuldige Kinder, die ihren Vater suchten und sagten, dass sie zu ihm gehen wollten, wurden auf Befehl des Oberleutnants bzw. Landrats von Hozat  mit dem Bajonett niedergestochen und so zu ihrem Vater geschickt. Ein junger Mann wollte aus den Flammen springen, unter Beteuerungen, dass er nur der Lehrer sei und mit der Dorfbevölkerung unmittelbar nichts zu tun habe, aber er wurde mit einem Balken wieder ins Feuer gestoßen, während man dem ganzen dann zigarettenrauchend zusah. Auf einen Dorfbewohner wurde zuerst geschossen und dann wurde er auf Weizengarben verbrannt. Mit diesen Worten schildert mein Kamerad die Greuel.

Im Bezirk Tersemek /Kreis Mazgirt war man gerade dabei, die Bevölkerung niederzumetzeln. Einer, der Mitleid hat, nimmt ungefähr 20 Kinder im Alter zwischen einem Jahr und zehn Jahren und versteckt sie im Tal eines Flusses. Plötzlich kommt die Sache raus. Es wird der Befehl erteilt, die Kinder zu töten. Aber es findet sich einfach  niemand, der diesen Befehl ausführen will. Sogar die Hartherzigsten können nicht anders, als zu sagen, dass derartig wehrlose unschuldige Kinder doch gar nicht zu den Waffen greifen können!  Schließlich findet sich doch noch ein Mann mit finsterer Mine und bringt die 20 unschuldigen Kinder um, die zitternd in dem Tal am Fluss warten. Es gibt Leute, die gesehen haben, dass der Fluss Murat rot vor Blut gewesen ist.“

Die Geschichte von Seyit Rıza wiederum, die zu den größten Unrechtsvorfällen von Dersim gehört,  bricht einem wirklich das Herz. Der damalige Polizeichef von Malatya, İhsan Sabri Çağlayangil, berichtet in einer Reportage folgendes: „Wir fragten, ob er noch irgendwas sagen wolle .... „Ich habe vierzig Lira, gebt die meinen Sohn!“ sagte er. Unterdessen war man dabei, Fındık Hafız zu hängen. Aber der Strick riss beim Hängen zweimal. Damit Seyit Rıza das nicht sehen sollte, habe ich die Vorderseite des Karrens zugehängt. Dann war die Hinrichtung von Fındık Hafız vorbei. Wir brachten Seyit Rıza auf den Platz. Es war kalt und es war niemand in der Umgebung. Aber Seyit Rıza sprach zur Stille und Leere, als ob der Platz voller Menschen wäre: „Ihr  Kinder von Kerbala, es ist ein Fehler, es ist eine Schande, es ist Tyrannei, es ist Mord...“

Ja, meine lieben Freunde, schätzungsweise Tausende von Menschen, Frauen und Kinder, deren genaue Zahl man bis heute nicht kennt, wurden ermordet, Menschen verloren ihr Heim, indem man ihre Häuser zerstörte, Tausende Menschen wurden zwangsweise nach Westen umgesiedelt, Tausende von Mädchen wurden zwangsadoptiert.

-Dokument 2-

Schauen Sie hier, ich möchte Ihnen ein Dokument zeigen. Es ist ein Dokument vom 8. August 1939. Es wurde vom Generalkommando der Gendarmerie an das Büro des Ministerpräsidenten  geschickt. Es macht Angaben über die Bilanz der militärischen Intervention in Dersim und teilt mit,
dass die Angriffe solange weitergehen werden, bis eine endgültige militärische Entscheidung erreicht ist. In der  Anlage gibt es  eine Aufstellung ... Sie zeigt die Zahl der Getöteten, der Überlebenden und derjenigen, die sich ergeben haben.

In diesem Dokument wird zum Ausdruck gebracht, dass 1936, 1937, 1938 und 1939 insgesamt 13.806 Personen getötet wurden.  Die Unterschrift unter dem Dokument ist sehr interessant: Faik Öztrak, Innenminister, das heißt also, der damalige Innenminister der CHP!

Kılıçdaroğlu, wohin willst Du Dich verdrücken?! Wie willst Du Dich angesichts dessen aus der Affäre ziehen? Soll ich mich nun entschuldigen oder willst Du Dich entschuldigen! Wo der Staat sich entschuldigen muss angesichts solcher Schriftstücke, da sage ich im Namen des Staates: Ich entschuldige mich! Wo es aber doch nötig wäre, sich für die politische Geisteshaltung der CHP zu entschuldigen, da sagst Du: „Ich bin der Parteivorsitzende der neuen CHP!“  Sieh mal zu, wie Du angesichts dessen Deine Ehre wahrst!

(Auf die Entschuldigung Erdoğans im Namen des Staates hin applaudierten die im Saal Anwesenden stehend.)

-Dokument 3-

Ich enthülle heute ein weiteres Dokument, das in Zusammenhang mit Dersim steht. Es datiert vom 23. Dezember 1938. Das ist ungefähr einen Monat nach dem Ableben von Atatürk. İsmet İnonü ist damals Staatspräsident, Celal Bayar Ministerpräsident. Es handelt sich dabei um ein Dekret mit folgendem Wortlaut:

„Der beschlossene  Abtransport von insgesamt 12.000 Personen von Tunceli nach Westen ist mit der Überführung und der Unterbringung  von 11.683 Personen in die dafür vorbereiteten Wohnquartiere  zwar bereits durchgeführt  worden, wobei sich aber noch insgesamt 514 Personen  in verschiedenen Vierteln sich in einem überführungsbereiten Wartezustand  befinden; da damit die per Regierungsbeschluss festgestellte Anzahl  der Personen in der Summe überschritten wird, ist auf der Kabinettssitzung auf Vorschlag des Innenministers beschlossen worden, einschließlich sich in den Bergen und in Höhlen verbergender Personen, von denen erwartet wird, dass sie sich ergeben, weil sie aufgrund der winterlichen Bedingungen einfach keinen Zufluchtsort finden können, noch  insgesamt 2000 weitere Personen in die auf der beiliegenden Liste aufgeführten Orte zu überführen und sie dort unterzubringen.“

Unterschrift: Staatspräsident İsmet İnonü.

Was bedeutet Tertele?

Die noch lebenden Überlebenden der Massaker in Dersim bezeichnen die Vorkommnisse von 1938 mit ‚Tertele’, den Tag, an dem die Welt unterging. Das Wort ‚Tertele’ ist mittlerweile in der Gesellschaft Dersims Teil des generationsübergreifenden Gedächtnisses geworden, das mittlerweile im Zusammenhang mit dem Genozid in Dersim gebräuchlich ist.