Ihsan Sabri Çagliyangil erzählt von den Hinrichtungen führender Persönlichkeiten

Der langjährige ehemalige Außenminister der Türkei Ihsan Sabri Çagliyangil, der von Ankara als Sonderbeauftragte für die Durchführung der Hinrichtungen einiger führender Persölichkeiten Dersims (Sey Rıza und seiner Freunde) im November 1937 nach Elazig (Xarpêt) entsandt wurde, erzählt in seinen Memoiren folgendes:

 

„(...)

Es waren Monate vergangen, Seyit Riza und seine Gefährten wurden verhaftet. Die Gerichtsverhandlungen liefen. Genau zu dieser Zeit wollte Atatürk nach Diyarbakir zur Eröffnungsfeier der auf dem Fluss Murat neu erbauten Brücke Singec Köprüsü (Singec-Brücke). Er wollte über dem Landweg zur Brücke Singec Köprüsü. Der Polizeipräsident Herr Sükrü Sökmensüer sagte mir „Atatürk wird die Brücke Singec Köprüsü eröffnen. Der Dersim-Aufstand beendet. Sechs tausend ‘weiße Hosen’ aus dem Osten sind nun in Elazig. Sie wollen Atatürk darum bitten, dass Seyit Riza am Leben bleibt. Lassen wir keine Gelegenheit dazu, dass die ‘weißen Hosen’ vor Atatürk treten.“

1937 am Samstagnachmittag, dem gesetzlichen Wochenendtag: Atatürk wollte am Montag nach Elazig kommen. Was von uns verlangt wurde war, „Wenn jemand hingerichtet werden soll, so soll es auch geschehen“, d.h. bevor die ‘weißen Hosen’ vor Atatürk treten, sollten die Hinrichtungen bereits vollstreckt worden sein. Zu dieser Zeit waren der Gouverneur von Elazig Herr Sükrü, der Staatsanwalt Herr Senihi, der Polizeidirektor Herr Serezli Ibrahim, der Stellvertreter des Staatsanwaltes, der ein Freund von mir gewesen ist.

Sükrü Sökmensüer gab mir den Befehl: „Bekomme von den Zivilisten alle Informationen in der politischen Abteilung des Polizeipräsidiums heraus“. Der Schutz Atatürks vom Bahnhof bis zum Volkshaus ist eure Aufgabe.“ Mit sechs Männern, unter ihnen vor allem Macar Mustafa, machte ich mich auf dem Weg. Per Zug kamen wir in Elazig an. Ich ging zum Polizeidirektor Herrn Ibrahim. Er sagte mir, ‘Es ist unmöglich, dass der Staatsanwalt etwas tut, was gegen die Regeln verstoßen würde.’

Ich ging zum Staatsanwalt. Legte ihm den Sachverhalt dar. Er berichtete mir, dass er vom Justizministerium schon eine Chiffre (streng geheime Anweisung) bekommen hätte, die Gerichte aber samstags keine Gerichtsverhandlungen durchführten und somit am Wochenendtag kein Urteil zu bekommen sei. Er fügte hinzu: ‘Ich kann die Gerichte nicht beeinflussen.’

Wir aber wollten, dass das Urteil gefällt wird, bevor Atatürk kommt und die Angelegenheit des Seyit Riza somit beendet und abgeschlossen wird. Ich wurde extra dafür von der Regierung beauftragt und hierher geschickt, damit ich diesen Sachverhalt erledige.

Der Stellvertreter des Staatsanwaltes, ein ehemaliger Mitschüler von mir im Fach Jura, sagte mir: ‘Sag dem Gouverneur, der Staatsanwalt solle ein Attest bekommen, und ich tue was du willst.’

Wir wollten, dass das Gericht an dem Wochenendtag tagt und das Urteil sofort vollstreckt wird.

Der Staatsanwalt erhielt ein Attest. Mein Freund vertrat als Stellvertreter den Staatsanwalt. Danach traf ich den Richter in seiner Wohnung. Er diktierte gerade das Urteil des Gerichtes. Während wir redeten, war er damit beschäftigt, das Urteil mit der Schreibmaschine tippen zu lassen. Wir befanden uns in der CHP-Ära. Man nahm sich in acht (man war sehr genau).

Der Richter sagte mir: „Am Samstag kann keine Gerichtsverhandlung stattfinden, das Gericht wird am Montag tagen und das Urteil fällen. Am Dienstag können wir das Urteil vollstrecken.“

Damals existierte im Vierten Gebiet kein Berufungsrecht.

Abdullah Pascha sollte das Urteil als Kommandeur des Ausnahmezustandsgebietes bestätigen. So schrieb er auf ein leeres Blatt: ‘Das obige Urteil wird hiermit bestätigt’, und signierte das leere Blatt. Wenn oben gestanden hätte Abdullah Paschas Erhängung, müsste er selbst erhängt werden. Ich sagte: ‘An dem genannten Tag kommt doch Atatürk, so wird der Zweck doch nicht erreicht.’ Der Richter unterbrach mich, und sagte: ‘Wir können nichts anderes tun.’ Ich fragte ihn:

„Kommt es vor, dass ihr auch nach 17.00 Uhr Gerichtsverhandlungen fortsetzt?’

‘Aber ja doch, viele. Es gibt Tage, an denen wir bis neun oder zehn Uhr Gerichtsverhandlungen durchführen’, antwortete er.

‘Also dann, wenn ihr fünf Stunden vom Ende der Gerichtsverhandlung beeinträchtigt, könnt ihr nicht auch fünf Stunden vom Beginn an beeinträchtigen? D.h. wir eröffnen am Sonntag Abend bei Tagesanbruch die Gerichtsverhandlung. Der Montag beginnt ab 24.00 Uhr ‘, erwiderte ich.

Der Richter sagte: ‘Der Strom fällt aus.’ ‘Darauf haben wir auch eine Lösung gefunden. Wir können das Gefängnis mit den Autoscheinwerfern beleuchten. Ins Volkshaus bringen wir Druckluftlampen.’ ‘Wir haben keinen Samiin[1]‘, sagte er. ‘Dafür haben wir auch eine Lösung. Wir lassen auch Samiin bringen.’ ‘Wie viele Personen sollen erhängt werden?’ fragte ich. ‘Das kann ich nicht vor dem Urteil sagen.’ Aber er fügte hinzu: ‘Der Staatsanwalt verlangte die Erhängung von 27 Personen.’ - ‘Sollen wir unsere Vorbereitungen danach orientieren?’, fragte ich. ‘Ich weiß nicht’, erwiderte er

‘Bist du gekommen, um mich hinzurichten?’

Das Strafvollzugsgesetz schrieb vor, dass die Personen, die erhängt werden, sich nicht sehen. Wir versuchten, diese Bedingung zu erfüllen. Wir stellten auf jedem Platz jeweils ein Tischchen, insgesamt vier. Der Gouverneur fand einen Henker Zigeunerabstammung. Nachts um zwölf Uhr gingen wir zum Gefängnis. Mit den Autoscheinwerfern beleuchteten wir die Umgebung. Das Gefängnis hatte 72 Angeklagte. Wir brachten die Angeklagten zum Gericht. Der Zigeuner kam auch mit. Er verlangte pro Hinrichtung zehn Türkische Lira. Wir akzeptierten. Die Angeklagten konnten kein Türkisch. Das Urteil wurde gefällt. Sieben der Angeklagten wurden zum Tode verurteilt, für einige von ihnen lautete das Urteil auf Freispruch, für die anderen unterschiedliche Haftstrafen. Da der Richter im Urteilsspruch nicht den Begriff Hinrichtung sondern die Todesstrafe verwendete, verstanden sie das Urteil nicht richtig. Sie jubelten: ‘keine Hinrichtung’. Wir nahmen Seyit Riza mit und stiegen ins Automobil ein. Seyid Riza saß zwischen dem Polizeidirektoren Ibrahim und mir. Der Jeep hielt auf dem Platz neben dem Gendarmeriequartier. Seyit Riza begriff die Lage erst, nachdem er die Tischchen sah. ‘Ihr werdet uns erhängen’, wandte sich mir zu und sagte: ‘Bist du extra aus Ankara gekommen, um mich zu erhängen?’ Wir sahen uns an. Ich stand zum ersten mal mit jemanden, der hingerichtet werden sollte, von Angesicht zu Angesicht. Er lächelte mich an. Der Staatsanwalt fragte, ob er beten wollte. Seyit Riza wollte nicht. Wir fragten ihn nach seinem letzten Wort (Wunsch). „Ich habe nur 40 Lira und eine Uhr. Gebt sie meinem Sohn“, sagte er. In diesem Augenblick wurde gerade die Hinrichtung von Findik Hafiz (Lacê Qemer Ağay Fındıq Ağa) vollstreckt. Während er erhängt wurde, riß das Seil zwei mal. Als Findik Hafiz hingerichtet wurde, stellte ich mich vor das Fenster, damit Seyit Riza es nicht sah. Seine Hinrichtung war beendet und wir brachten Seyit Riza auf dem Platz. Es war kalt und es gab keine Menschenseele in der Gegend. Aber Seyit Riza sprach in die Leere, als ob er eine Rede zu einer Menschenmasse halten würde.

‘Wir sind Nachfahren von Kerbela. Wir sind unschuldig. Es ist eine Schande. Eine Grausamkeit. Ein Mord’, sagte er. Es überlief mich kalt. Dieser alte Mann lief mit gleichmäßigen, scharfen Schritten dem Zigeuner entgegen und schubste ihn. Seyit Riza nahm das Seil und hängte es an seinen Kopf trat den Stuhl und verwirkliche seine Hinrichtung selbst. Es ist schwierig, Mitleid mit dem vom Schicksal verhängten Ende eines Mannes zu haben, der so hartherzig ist, dass er einen Offizier, der genau so alt war wie sein Sohn, umzubringen. Aber ich konnte mich nicht davor zurückzuhalten, Achtung vor dem Mut dieses alten Mannes zu haben. Meine Nerven waren sehr angeschlagen. ‘Mir ist kalt, ich gehe zum Hotel’, sagte ich zum Polizeidirektoren. Als Seyit Riza hingerichtet wurde, war die Stimme des Sohns von Seyit Riza zu hören: ‘Macht mich zum Diener, Sklaven, Hirten. Habt Erbarmen mit meiner Jugend, tötet mich nicht!’

Ich bekam von Atatürk einen gehörigen Verweis.

Ich fühlte mich sehr schlecht. Nachdem ich ins Hotel ging schrieb ich zwei Seiten mit der Schreibmaschine. Als Überschrift schrieb ich:

‘Wir sind unschuldig. Wir sind Nachfahren von Kerbela. Es ist eine Schande. Eine Grausamkeit. Ein Mord!’

Atatürk kam einen Tag später nach Elazig, weil er dachte, dass wir die Angelegenheit nicht rechtzeitig beenden könnten. Der Zug, mit dem er angekommen war, hatte Halt auf einem toten Gleis gemacht. Atatürk schlief, man hatte ihn nicht wecken wollen. Am Morgen habe ich dem Berichterstatter der Zeitung Ulus, der aus dem Zug von Atatürk ausstieg, vorgelesen was ich geschrieben hatte. Er wollte es haben. ‘Man wird es nicht drucken’, sagte ich. Später lasen sie es Sükrü Kaya vor. ‘Es geht nicht’, soll er gesagt haben. Inzwischen sagte man mir, dass Atatürk mich zu sich gebeten hätte. Als ich dort war, frühstückte er gerade. Er zeigte mir ein Foto. Man hatte Seyit Riza fotografiert, als er hing. ‘Was soll das Foto, Herr Polizeipräsident?’, fragte er mich. ‘Ich weiß nichts davon’, sagte ich. ‘Dann weißt du nicht, was um dich herum passiert’, sagte er und ergänzte. ‘Schnell, geh und besorge das Negativ dieses Fotos und vernichte alle Fotos, die entwickelt wurden.’ Ich verließ und recherchierte. Macar Mustafa, unser Zivilpolizist, hatte, nachdem ich den Tatort der Hinrichtung verließ, Fotos gemacht. Er hatte sie irgendwo entwickeln lassen und dem Gehilfen von Sükrü Kaya gegeben. Während des kurzen Gespräches stellte ich fest, dass Atatürk über alle Details Bescheid wusste. Er mochte so etwas nicht. Atatürk war ein demokratisch eingestellter Mensch. Ich vernichtete sofort die Negative, die gedruckt wurden. Zwei der Fotos nahm ich an mich. Ich ging zu Atatürk und überreichte ihm ein Foto und sagte: ‘Ihr Befehl ist erfüllt’.- ‘Sind alle vernichtet worden?’, fragte er. ‘Ja, sind sie, Nur zwei Fotos habe ich behalten’, erwiderte ich. ‘Was soll mit denen geschehen?’, fragte Atatürk. ‘Wenn Sie es erlauben, möchte ich eins Seiner Exzellenz geben, eins möchte ich behalten’. ‘Was willst du mit den Fotos?’, fragte er. ‘Wenn Sie erlauben, möchte ich meine Memoiren niederschreiben’. Atatürk sagte ‘Gut, dann gib mir eins’. Ich gab’s ihm. Atatürk stieg aus dem Zug aus und machte sich auf dem Weg zum Volkshaus. Er fuhr nicht mit seinem Auto. Er ging mitten durch die Menge der ‘weißen Hosen’. Ich hatte meine Hände in den Hosentaschen, und hielt in jeder Hand jeweils eine Pistole. Die ‘weißen Hosen’ schauten, ohne etwas zu sagen. Sobald einer im Begriff war, einen Schritt zu machen, würden wir es verhindern. Atatürk kam endlich lebendig am Volkshaus an und machte sich auf dem Weg zur Brücke Singec Köprüsü. Ich war auch in der Truppe. Atatürks Sekretär Velid fragte mich ‘Hast du eine Aufgabe?’. Ich war schlecht drauf und antwortete: ‘Ich habe Ärger von Atatürk bekommen’. ‘Dann las uns nach Arap Baba in Harput gehen’, sagte er. Wir gingen und kehrten frühzeitig zurück. Atatürk kam abends von der Brücke Singec Köprüsü zurück. “

[Ihsan Sabri Çağlayangil, Anılarım, Seite 51-52, Yılmaz Yayınları, 1990]

 

Quelle:

Magaralara iltica etmislerdi, Ordu zehirli gaz kullandi, magaralarin kapisinin icinde bunlari fareler gibi zehirledi ve yediden yetmise o dersimlileri kestiler kanli bir harakat oldu Dersim davasi da bitti.

 http://videonuz.ensonhaber.com/izle/ihsan-sabri-caglayangil-in-ses-kaydi

Ihsan Sabri Caglayan Kimdir?

Ankaradan özel görevli Dersim`e gönderilen kisidir. Seyit Riza ve arkadaslarinin idam edilmesi icin mahkemeyi acan ve karari uygulatan kisidir. Daha sonralari uzun dönem Disisleri Bakanligi yapti anilarinda bunlari yazdi. (asagidadir)

Bu söylesi seksenli yillarin sonunda simdiki CHP Genel Baskani olan Kemal Kilictaroglu tarafindan yapildi.

 

Was bedeutet Tertele?

Die noch lebenden Überlebenden der Massaker in Dersim bezeichnen die Vorkommnisse von 1938 mit ‚Tertele’, den Tag, an dem die Welt unterging. Das Wort ‚Tertele’ ist mittlerweile in der Gesellschaft Dersims Teil des generationsübergreifenden Gedächtnisses geworden, das mittlerweile im Zusammenhang mit dem Genozid in Dersim gebräuchlich ist.